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Möchtegern-Mythos-Macher? Waldorf Astoria in Berlin
Aura Berlin. Berühmte Berliner Luft. Großstadtlegenden und Goldene 20er. Damals der Slogan: “Du bist verrückt mein Kind, Du musst nach Berlin!” Klang doch irgendwie netter, als “Be Berlin”, (was wohl sowieso von “Be Birmingham geklaut war”. Da ist sogar “I Amsterdam” cooler).
Berlin ist arm dran. In mehrfacher Hinsicht. 80% der Stadt wurde im zweiten Weltkrieg zerstört und der Wiederaufbau suchte Neues und nicht die Behutsamkeit des Bewahrens. Heute ist die Aura der Vergangenheit oft sehr willkommen, sie wird nur zuweilen eher mittelmäßig umgesetzt.
So strömen Besucher in den Friedrichstadtpalast, mit seiner eleganten Plattenbauweise à la aserbaidschanischer Rokoko. Das Adlon durfte vor geraumer Zeit gleichzeitig 10- und 100-jähriges feiern (erinnert sich noch jemand an den unterhaltsamen Prozess, als ein Kneipenwirt am Adenauerplatz, die Gerichtsverfahren um die Namensrechte gegen die mächtige Hotelkette gewann?). Das Kempinski am Kurfürstendamm hat lange gebraucht, eine Gedenktafel für die enteigneten jüdischen Gründer anzubringen. Das Lutter & Wegener am Gendarmenmarkt macht es noch recht schlau, die Aura von E.T.A. Hoffmann und Ludwig Devrient zu kultivieren, obwohl der Ort nicht der originale ist. Ein Aschinger ist wieder aufgetaucht. Gleich am S-Bahnhof Tiergarten hat sich derjenige, der sich die Namensrechte angeeignet hat, niedergelassen, um bemitleidenswerte Spaziergänger leidlich abzuspeisen und mit grellem blauen Licht zu terrorisieren.Immerhin bleibt uns somit das erbärmliche Hooters-Konzept erspart. (Heinz Horrmanns wundervolle Berichterstattung verführt mich jedoch heute noch zu lautem Gelächter!)
Wo sind originale Orte? Für den Admirals-Palast hätte die Stadt seinerzeit beinahe Abrissgenehmigung erteilt, nachdem Rene Kollo mit seinem Operettenkonzept versagte. Der Denkmalschutz kämpft stets gegen Windmühlen und leere Kassen. Am Kurfürstendamm hat 2011 Mövenpick seinen Standort aufgegeben (man möchte sich auf Raststättengastronomie konzentrieren) und übergab die wundervollen, historisch original erhaltenen Räume von “Mampes gute Stube des Westens” an McDonalds. Immerhin haben die Fleischklops-Brater völlig unverhofft den alten Charme der Räume rudimentär beibehalten. (Ich berichtete damals auf der Explorise-Plattform unter dem Titel: McDenkmalschutz oder McAbrissbirne) , auch wenn nun verwirrte Teenager, vor Cheeseburger-Einwickelpapier, auf kaiserzeitliche Stukkaturen starren.
In diesem Umfeld geht nun 2012 also ein Waldorf Astoria an den Start. Zwischen Gedächtniskirche und Beate Uhse, bei Burger King und A&O Hostel. (In diesem Zusammenhang sei noch der benachbarte Dunkin´ Donuts boykottiert, der die legendäre Fussballkneipe “Hanne am Zoo” verdrängt hat). Nun werden also Paris und Nicky Hilton die neuen Kinder vom Bahnhof Zoo. Die Exklusiv-Marke von Hilton errichtet das neue, höchste Gebäude in der City-West. Ein wenig Aufmerksamkeit wird der Gegend um den Bahnhof Zoo gut tun, gilt doch die Aufmerksamkeit derzeit, eher dem früheren Ostteil der Stadt.
Bei einer Baustellenbegehung für Journalisten gab es Ernüchterndes zu hören. So werden die obersten Etagen den teuersten VIP-Gästen vorbehalten sein. Die Hoffnung auf eine Sky-Bar löst sich in Wohlgefallen auf. Kulinarische Gäste bleiben im unteren Bereich. Schade. Wobei natürlich der bewährte Satz “Wir wollen auch Weiterlesen
Bubble Tea Terror
Ich möchte das Jahr mit einem Aufschrei des nackten Entsetzens einläuten. Hinterlistig schleicht sich eine vielköpfige Hydra ins Land, um dem Verbraucher ein neues Trendgetränk einzureden. Wir sollen Bubble Tea trinken. Ein gesüßte, teeähnliche Flüssigkeit, in der man gallertartige Tapiokakugeln versenkt hat, um Strohhalme und Kehlen zu verstopfen.
Man muss bestimmte Dinge nur oft genug penetrant wiederholen, dann werden sie Trend/Kult/beachtet. Sabine Christiansen, die Amigos und Ed Hardy wären als Beispiele offensichtlich. Und was in China immerhin noch den lyrischen Namen “Perlen Milchtee” trägt, soll nun den durchschnittlichen Mitteleuropäer erquicken. Mich erquickt es nicht. Mit schmeckt diese Fruchtvariante von Sülze in Brühe überhauptgarnicht. Im Mai 2011 stellte man zudem in Taiwan fest, dass seit 20 Jahren ein fröhlicher Krebserreger namens Diethylhexylphthalat munter beigemengt wurde.
Nun eröffnet scheints an jeder Ecke in Berlin ein Bubble Tea Laden und die unsäglichen Pappkarton-Glutamat-mit-gebratenen-Nudeln Imbissimitate verkaufen es auch gleich mit. Wo ist Captain America, wenn man ihn braucht. Oder von mir aus auch Starbucks, der natürliche Feind jeder Teeisierung. Oder wird Starbucks bald marktgerecht Tapiokakugeln im Kaffee versenken? Zuzutrauen wäre es auch dieser Medusa.
Bubble trouble. Ich möchte anständige Sachen trinken. Gerne dürfen auch einmal weniger künstliche Aromastoffe in meinem Glas schweben. Somit protestiere ich. Gegen Bubble Tea. Weg damit. Dann lieber Ayran Shake Shops oder eine Retro-Milchbar.
Ich möchte diesen Blogbeitrag gerne bebildern, verfüge aber über keine Fotografie eines Buble Tea. Da ich selbigen erstmals vor Jahren im Chinatown von Manhattan trank, wähle ich stattdessen ein Foto einer wirren Demonstration in New York, bei der die überaus sonderbare Gruppierung “God hates the World” gegen alles protestiert, wie sie es immer tut.
Betrüger schicken Eichi in Rente
Ein Schreiben flattert ins Haus und verkündet bevorstehenden Reichtum in Höhe von 1052,20 Euro. Gewinnspielgutschriften und Preisgewinne haben sich angesammelt und sollen mir nun gemäß § 661 a BGB feierlich übergeben werden.
Seriös klingt der Absender, eine Niedersächsische Treuhand mit ihrer wohlmeinenden Finanzverwalterin Karin Ludwig. Ein Treuhandtravelkonto “B-Kompakt” bei der NT Bank in 49649 Stapelfeld soll hoch- und scheinheilige Ernsthaftigkeit belegen. Da ich ein Buch über Kriminalfälle geschrieben habe, sind mir Bauernfängertricks dieser Art nicht unbekannt. Enttarnende Informationen zu den Praktiken dieser fragwürdigen Gewinnspielbenachrichtiger finden sich glücklicherweise zuhauf, wie beispeilsweise bei der Niedersächsischen Verbraucherzentrale.
Ein wenig Recherche bringt es dann rasch ans Licht: Die Gewinnsumme ist stets die gleiche. Man darf Freunde und Partner mitbringen, Busse bringen uns zu der Zweigstelle der “Treuhand” in der Nähe des Wohnortes. Das Amt der Ortschaft Siek, nordöstlich von Hamburg, hat etliche Materialien zu den Einladungen der Niedersächsischen Treuhand gesammelt und sehr sinnvoll präsentiert. Offensichtlich ist die Unseriösität eines Unternehmens, welches lediglich unter einer Postfachadresse firmiert.
In allen der Warnungen ist zu erkennen, dass es sich bei den leeren Versprechungen Weiterlesen
Selbstversuch: Schaumwein und Säbel
In dem aufschlussreichen Büchlein “Die Welt der Snobs – Leitfaden für Debütanten”, schreibt Antonius Moonen im Getränkekapitel: “Eine Flasche Champagner kann man übrigens auch säbeln. Aber dieses etwas gefährliche Verfahren sollten Sie ihrem Personal überlassen.”
Dummerweise hat mein Personal derzeit längerfristig Ausgang und daher ist
Eigeninitiative gefragt. Vor geraumer Zeit gelang es mir, auf einer Veranstaltung im Cigarrenmagazin Unter den Linden einen Champagner- vertreter dazu zu bewegen, seinen Säbel aus dem Fahrzeug zu holen, um den anwesenden Neugierigen den Umgang mit dem Champagner-Säbel zu demonstrieren.
Das wollte ich dann doch auch einmal ausprobieren. Mich der Lächerlichkeit Preis zu geben, bereitet mir keine Bedenken. Und so griff ich beherzt zu, als kürzlich ein Angebot der Firma Laguiole daherflatterte, in dem ein Champagner-Säbel zum Sonderpreis offeriert wurde. Dem Lehrgang “Flaschensäbeln für Anfänger” stand also nichts mehr im Wege.
Geschichten um den Ursprung der Sabrage gibt es einige. Vermutlich waren es die Kavallerietruppen Napoleons, die mit Champagnerflaschen in Schlacht zogen, um ihren Sieg angemessen beprosten zu können. Der Eichi, der das Sabrieren (aus)üben möchte, muss sich hingegen auf allerlei Ungemach einstellen. Eines war klar: in der Wohnung die ersten Sabrierversuche zu wagen, würde höchstens dem ortsansässigen Glaser eine Freude bereiten.
In der Nähe meiner Heimstatt liegt nun ein kleiner Park, in dem sich morgens regelmäßig einige meditative Menschen versammeln, um unbewaffnet ihre Tai-Chi Übungen, wie “Der Kranich, der sein Flügel ausbreitet”, zu vollführen. Ich wähnte diese Gestalten geistig gefestigt genug, um den Park mit einem Säbelträger zu teilen, der sich Ihnen für die Übung “Säbel, der durch den Flaschenhals gleitet” anschließt.
In Erwartung kompletten Versagens, wollte ich keine meiner kostbaren Champagnerflaschen für das erste Experimentieren opfern. Sekte der Marken Rotkäppchen und Faber wurden in den Park getragen. Dumme Idee, da vergessen wurde, dass diese Billigmarken ja keine Korken-Korken,
sondern nur Plastik-Korken unter der Folie verbergen. Ein echter Kork ist jedoch Voraussetzung für das Gelingen der Sabrage. Trotzdem schlug und hieb ich wild auf die Bouteillen ein, um den Neigungswinkel der Flasche und das Gleiten des Säbels entlang der Naht am Flaschenhals zu üben. Das Ergebnis war nur teilweise befriedigend: die Grundlagen des Sabrierens sind sehr offensichtlich und daher nicht übermäßig schwer zu erlernen. Einige verwirrt bellenden Hunde, zwei Mütter mit Kinderwägen, die einen beachtlichen Bogen um den Irren mit dem Säbel einlegten, drei Gestalten, die gleichfalls mit getränketechnischen Absichten im Park verweilten stellten ihre Tetra-Pak Weine beiseite und näherten sich neugierig. Eine emotional labile Nachbarin sah mich ebenfalls dort die
Hiebwaffe schwingen und erzählt nun, womöglich schwerwiegend traumatisiert, der Hausgemeinschaft von ihren Amok-Eindrücken des Herrn E. aus dem 1.OG.
Beim nächsten Versuch würde ich Sonnenbrille und Hut tragen, soviel stand fest. Glücklicherweise war heute ein entsprechend sonniger und freundlicher Tag, um abermals Angst und Schrecken unter harmlosen Charlottenburger Parkbesuchern zu verbreiten.
Für den Probe-Hieb sollte diesmal eine Flasche Rüttgers Club herhalten (übrig geblieben von meinem dämlichen Billigheimer-Plastikkorkenkauf), der aber im Zweifel die Tetra-Pakianer taktisch ablenken würde. Für den Ernstfall war ein überaus empfehlenswerter Blanc de Noir, Cremant de Bourgogne, von Paul Delane (erhältlich bei Rindchens Weinkontor) im Gepäck. Garantiert mit Korken-Korken.
Passend zum Anlass und auch zum Ort führte ich die Zeilen des Balladendichters Moritz Graf von Strachwitz (1822 bis 1847) auf den Lippen:
Schlage zum Himmel, Champagnergezisch,
Springe in silbernen Strudelkaskaden,
Schieße in pochenden
Bäumenden Fluten,
Fließe in kochenden
Schäumenden Gluten,
Ähnlich dem Bronnen der Quellennajaden,
Drin sich die Glieder der Artemis baden,
Tief in des Idas Cypressengebüsch.
Ob es Cypressengebüsche waren, welche mich im Park empfingen, vermag ich nicht zu sagen. Die Wermutbrüder waren jedenfalls wieder zugegen und auch die Hunde, die ich aber nicht zum Spielchen “bring den Korken” verleiten mochte. Also säbelte ich diesmal in Richtung Westen und nicht auf die Wiese. Selbstverständlich sprudelt ein wenig Schaumwein nach dem Hieb heraus.
Forme die Perlen von silbernem Schaum,
Die sich erheben aus siedendem Spiegel,
Die in den spitzigen
Trichterpokalen
Funkelnd dem hitzigen
Sprudel entstrahlen,
Die aus der Flasche gebrochenem Siegel
Schweben und tanzen auf duftigem Flügel,
Steigen und sinken im goldigen Raum.
Ja, das Siegel war wohl gebrochen. Der Graf würde sich im Grabe wälzen, bei dem Gedanken, seine Zeilen im Rahmen einer Flasche Rüttgers Club angewandt zu ahnen. Meine Verkostungsnotiz beschränkt sich gleichfalls auf ein uninspiriertes “Bäh”. Also her mit dem feinen Cremant, jetzt wird die Sache ernst. Die Hand zittert, der erste Schlag geht fehl, der zweite muss es richten, wird es gelingen? Und dann:
Schlagt auf die Becher mit wirbelndem Schlag,
Dass sie erbrausen in rollendem Falle;
Lasst in den duftigen
Tiefen des Nasses
Tanzen die luftigen
Geister des Fasses,
Lasst sie in spritzendem, staubendem Falle
Stürzen aus blitzendem Becherkrystalle;
Kurz ist der Jugend moussierender Tag!
Hut ab: Kopf ab. Der köstliche Blanc de Noir erbraust in das mitgebrachte Gefäß um auf den Sabreur zu prosten. Na geht doch!
Unser snobistischer Lehrmeister, Antonius Moonen, würde pikiert die blasierte Nase rümpfen, da eigentlich -selbstverständlich- eine Flasche Krug oder Roederer Cristal hätte herhalten müssen. Sabrage-technische Sponsoren können sich diesbezüglich sehr gerne bei mir melden.
Eichi fühlt sich ausgezeichnet
Eine hübsche Idee bewegt sich geraume Zeit durch die Blogosphäre und sorgt mit einer sehr netten Geste für
Das oben abgebildete herzige Bildchen wird von Blog zu Blog weiter verliehen und wurde nun sogar mir zuteil. Verliehen von der lieben Richensa in ihrem wunderbaren Blog “Erinnerungsengramme” , worüber ich mich sehr freue, endlich erholt von dem montagmorgentlichen Fernsehmarathon zur grandiosen NFL Superbowl XLV.
Während ich diese Zeilen frohlocke, befeiere ich mich selbst mit einem durchaus schmackhaften Brandy Crusta, der eine ordentliche Portion Cardenal Mendoza beinhaltet. Meine persönliche Super Bowl, ja, ich fühle mich gerade beinahe wie ein Green Bay Packer.
Nun sieht das Regelwerk vor, dass ich die “Liebster Blog”-Wildcard weiterreiche (Vince Lombardi Trophy darf ich nicht sagen, denn die ist kein Wanderpokal):
Erstelle einen Post, indem du das Liebster-Blog-Bild postest und die Anleitung reinkopierst (= der Text den du gerade liest). Außerdem solltest du zum Blog der Person verlinken, die dir den Award verliehen hat und sie per Kommentar in ihrem Blog informieren, dass du den Award annimmst und ihr den Link deines Award Posts da lassen.
Danach überlegst du dir 3- 5 Lieblingsblogs, die du ebenfalls in deinem Post verlinkst & die Besitzer jeweils per Kommentar-Funktion informierst, dass sie getaggt wurden und hier ebenfalls den Link des Posts angibst, in dem die Erklärung steht.
Liebe Blogger: Das Ziel dieser Aktion ist, dass wir unbekannte, gute Blogs an’s Licht bringen. Deswegen würde ich euch bitten, keine Blogs zu posten, die ohnehin schon 3000 Leser haben, sondern talentierte Anfänger & Leute, die zwar schon ne Weile bloggen, aber immer noch nicht so bekannt sind.
Nun habe ich die Freude mit der Weitergabe dieser Auszeichnung einige Blogs zu würdigen, die mir seit geraumer Zeit Freude machen:
Da wäre zunächst “Meal by Mel“. Mel hat leider gerade Berlin verlassen, beschreibt ihre kulinarischen Erlebnisse in der Hauptstadt hoffentlich noch recht lange Zeit aus ihrer asiatischen Perspektive.
Als Stadtführer genieße ich es immer, die unterschiedlichsten Perspektiven auf meine Lieblingsstadt zu erfahren. Sehr interessiert lese ich die diversen Taxi-Blogs aus Berlin. Besonders gerne nehme ich mit Tarnkappe im Taxi von Klaus Platz und fahre virtuell mit durch die Straßen, wenn ich seine Taxi-Geschichten aus Berlin im cab-log lese.
Wenn ich erfahren möchte, welchen Wirbel es in den westlichen Provinzen der Republik gibt, dann kann nur Duisburg gegen Berlin mithalten und hat selbiges ausschließlich den Staunmeldungen von Magister Kraska zu verdanken.
Zuletzt wird meine Leidenschaft für gute Cocktails durch einen recht jungen Blog bereichert, der die Phänomene Bühne und Bar, Tresen und Theater, behandelt. “Flüssig schreiben” bekommt eine neue neue getränketechnische Ebene im Bartheater von Hannes, der sich selbst als Schautender und Barspieler bezeichnet.
Und jetzt ist mein Brandy-Crusta ausgetrunken. Drink down statt Touchdown.
Pret A Diner – Restaurant mit Ablaufdatum
Bereit für ein Abendessen? Dann aber Beeilung, denn nach nur 35 Tagen wird dieses Restaurant wieder verschwinden. Untertauchen auf unbestimmte Zeit.
Pret A Diner nennt sich das szenewirksame Konzept von Klaus Peter Kofler, einem kulinarischen Unternehmer, dessen Catering-Unternehmen zahlreiche hochkarätige Veranstaltungen vor dem Hungertod bewahrt.
Entsprechend professionell kommuniziert die Unternehmens-PR das aktuelle Restaurant auf Zeit und liefert die Vorlagen, die bereits in zahlreichen Medien entsprechend verbraten wurden:
Es ist ein Pop-Up Restaurant
oder:
Es ist kein Pop-Up Restaurant, es ist eine “dining experience”
daneben geht es um die:
“Demokratisierung von Luxus”
bei der gute Menschen am Werk sind:
Kostendeckung und Gewinne werden nicht erwartet, dafür arbeitet man CO2-neutral
Man wollte Rummel und Gewese, man bekommt Rummel und Gewese. Her mit einem Glas Schaumwein für die Damen und Herren der Kommunikations-Abteilung, deren Textvorgaben, pünktlich inszeniert zur Fashion-Week, allerorten nachzulesen sind. Egal. Andere Aspekte wecken mein Interesse:
Vor allem die Prämisse des “casual fine dining“, ein Phänomen, welches mich beständig beschäftigt, vor allem, weil ich es hierzulande so selten erlebe. Immer wenn ich aus New York zurückkehre, überfällt mich ein chronisches Kopfschütteln über die Art, wie dort geniales Essen mit hochwertigem Wareneinsatz in entspannter Atmosphäre mit professionellem, aber lockerem Service funktioniert. Das Lokal “Spotted Pig”
im West Village wäre so ein Beispiel, wo man im T-Shirt im Pub sitzt und einen famosen Burger mit Roquefort verspeist und kaum bemerkt, dass man in einer Speisestätte mit Michelin-Stern verkehrt. Kein steifer Kellner lauert in meinem Rücken, um mir vier Tropfen Wasser nachzuschenken und das Gefühl ständiger Beobachtung vermittelt.
Das Pret A Diner geht für sechs Wochen mit casual fine dining an den Start und nach jeweils zwei Wochen kommt ein neuer Koch an die Herde über den Geldschrankgewölben der Alten Münze. Jeweils mit einem Menü das drei Gänge (mit Fleisch oder vegetarisch) zu 39 Euro beinhaltet. Frische, regionale Produkte sollen im Vordergrund stehen, Dessert und Käse wird zusätzlich offeriert, mehr nicht, es soll ja irgendwo kalkulierbar bleiben. Den Auftakt machte Matthias Schmidt von der Villa Merton aus Frankfurt am Main, danach zeichnet Bernhard Munding aus dem
wundervollen Dos Palillos in Berlin verantwortlich und die letzten beiden Wochen bestreitet Wahabi Nouri aus dem Piment in Hamburg. Man sieht: hier sind einige Sterne am Start.
Durch kerzenbeleuchtete Gänge, entlang der Tresorkeller der Alten Münze führt der Weg treppab und treppauf zu einem improvisiert zusammengezimmerten und dennoch eleganten Gastraum mit separater Bar davor. Auf einer Empore warten Separees und moderat-obszöne Kunst-Kauf-Ausstellungen. Dass die Separees zum Essen für kleinere Gruppen
vorgesehen sind, sollte ich in diesem Zusammenhang deutlich machen. Die diversen Bediensteten sind ausgenommen freundlich und sprechen hauptsächlich englisch. Der Service war ausnehmend nett und engagiert, heiter und kenntnisreich. Auf meiner Rechnung steht, dass es Jenny war, die uns umsorgte und zu einem prachtvollen Abend hervorragend beigetragen hat. Das war nicht absehbar. Es war ja Modemesse und das Publikum entsprechend. Optisch verrieten die Gäste nicht zwingend, dass kulinarischer Genuss ihnen etwas bedeutet. Mir ward bewusst, dass ich umfangreich auffalle.
Das Essen? Tja, wann hat man schon einmal die Gelegenheit, das gleiche Essen zu sich zu nehmen, was die üblichen Verdächtigen der Gastro-Kritik gleichfalls verspeisen und bewerten? Das Menü von Matthias Schmidt liest sich lyrisch-kryptisch. Rätselfreunde aufgemerkt: a lamb gets lost in a horseradish snowstorm. Prosaisch erklärt mit: Müritzlamm und Petersilie. Chocolate falls in love with the earth forever liefert die Indizien: Schokolade und Zuckerrübe. Mir hat es gut geschmeckt. Und viel wichtiger: der Abend hat Spaß gemacht und das Essen trug viel zur Unterhaltung bei, da man sich damit großartig beschaftigen konnte. Mit spannendem Meerrettich-Sorbet, herrlichem Saiblings-Tartar und dem perfekt gegarten Müritz-Lamm mit einem fein abgeschmecktem Püree von Petersilien-Wurzel.
Für die FAZ war Thomas Platt zum testen vor Ort. (Beinahe bedauerlich, dass diesmal nicht Jürgen Dollase kam, was mir den wundervollen Satz verwehrt: “Dollase und ich waren der Meinung, dass…”, mist). Nein, Herr Platt liefert einen Bericht, der genau das trifft, was an jenem Abend zu dem Menü auch mein Eindruck war. Ich gestatte mir, ihn in Bezug auf den schwächsten der Gänge zu zitieren:
“Über den nächsten Gang kann man mit etwas Lebensmittelhumor lächeln. Ein nach Art der Molekularküche mit Hilfe von Maltodextrin verseiftes Fichten- und Weizenkeimöl liegt in wachsigen Schindeln über dem weich gegarten und erfreulich wenig gesalzenen Romanesco, ohne geschmacklich viel zu bewirken. Ein Fichtenwedel in de Nachbarschaft des Modekohls unterstreicht die Idee.”
Herrlich! Wer braucht noch Jürgen Dollase.
Deutlich ungnädiger urteilt meine eigentlich bevorzugte Berliner Gastro-Gestalt vom Tagesspiegel, Bernd Matthies. Zu einem vegetarischen Gang anmerkt er grantelnd:
“Auch das helle Püree von für Vegetarier, in dem Blumenkohl offenbar eine Hauptrolle spielt, lastet mampfig auf der Zunge wie eine Karikatur aus der Öko-Hasser-Bewegung, von Schnittlauchöl und ein paar gepoppten Amaranth-Körnern kaum merklich akzentuiert.”
Platt nimmt augenzwinkernd den Event-Charakter des Ganzen zur Kenntnis und freut sich über die Idee und den ausbaufähigen Ansatz und attestiert: “Dazu dominiert doch feinfühliges Handwerk eindeutig die Zubereitungen”. Wie ich selbst, so hat er sich an dem Abend bestimmt amüsiert. Auf vielfältige Art und Weise. Matthies wurde womöglich nicht angemessen wahrgenommen und straft das
Restaurant ab mit einem Vokabular aus: Hype, Sterneküche zum Billig-Tarif, sieht aus wie der Jugendkeller der St.Florians-Gemeinde mit Sperrmüll. Und: “Ein eloquenter Restaurantchef bespasst Premium-Gäste, während andere schon froh sein können, wenn der indiskutable Service sie nicht beim Wein-Nachschenken mit Wasser aus dem Eiskübel bekleckert.”
Herr Matthies verzieht sich in eine bösartige Schmoll-Ecke und legt bei seinem Besuch zu viel Wert auf die Sterne der Köche in ihrem üblichen Umfeld. Er vergisst dabei, das schräge Event, die spannende Idee und das ordentliche Preis-Leistung-Verhältnis zu genießen. Pret A Diner ist eben nicht Haute Couverture.
Sehen wir es ihm nach. Bereits in einem Vorbericht machte er aus “Klaus Peter Kofler” einen “Michael Kofler”, der für seine Handbücher im EDV-Bereich höchstes Ansehen genießt. Luxus und Linux ist halt auch zweierlei.
Mein Tipp: Die Homepage des Pret A Diner aktivieren, um einen Platz anfragen und danach hingehen und einen Abend mit jenenm casual fine dining entspannt genießen.
Sling Irrtum
Der Singapore Sling gehört zu den Drinks, die ich sehr schätze und der mit unglaublich schönen Erinnerungen verbunden ist. Eine Zigarre und einen Singapore Sling in der Writers Bar im Raffles Hotel in Singapore zu mir zu nehmen, zählt zu den unvergesslichsten Barmomenten, die meine Erdumtrinkung bislang hervorbrachte.
An jene koloniale Zeitreise dachte ich wohl, als ich im August munter durch Hamburg spazierte und entlang der Innenalster in ein fröhliches Volksfest geriet. Bunt ging es zu: Lustige Bekleidung der Besucher, Bierstände, fragwürdige Caipirinha-Wägelchen. Ein verwirrender Regenbogen der Lebensfreude.
Cocktailgenüsse und Abgründe der Trinkkultur der Elbmetropole lagen noch vor und bereits hinter mir. Derart getränketechnisch fixiert, fiel mein Blick auf einen Stand, der bereits aus der Ferne deutlich sichtbar den vermeintlich Durstigen lockte: “Sling King”, da werde ich bestimmt einen Gin Sling, einen Highland Sling oder die diversen Varianten des Singapore Sling geboten bekommen. Werden sie ihn dort mit Ananassaft oder mit Soda zubereiten? Eine Frage, auf die keine Antwort gegeben werden sollte.
Allmählich lichtete sich der Nebel meiner Wahrnehmung. Das Fest entpuppte sich als Christopher Street Day. Beim näher kommen, stellte sich der Sling King nicht als König des Singapore Sling heraus, sondern als Händler interessanter Vorrichtungen für eine andere Form der abendlichen Geselligkeit. Statt stählernem Shaker, kristallenem Glas und eiskaltem Trank, bot man eiserne Halskrausen, lederne Riemen und hitzige Gemüter.
Cockwear statt Cocktail. Kann ja mal vorkommen…
Das is ja mal´n Ding!
Schöne Dinge müssen gepflegt werden. Alltagskultur und ihr Design werden mit vorbildlichem Engagement im “Museum der Dinge”, im Werkbund-Archiv in Kreuzberg, seit 35 Jahren aufbewahrt, gepflegt und präsentiert.
Wie eine kleine Zeitreise mutet der Gang durch das Museum an, in dem
Flaschen, Sitzmöbel, Zigarettenreklame, Spielzeug und andere Utensilien in den Vitrinen stehen. Man schaut die Exponate der zurückliegenden Jahrzehnte an und stößt irgendwann auf ein Objekt, das zur eigenen Biografie gehört. Kindheitserinnerungen werden geweckt, das Schmunzeln zu einer vergessenen Episode kommt zwangsläufig ins Gesicht. Weiterlesen
Ich hab´Bock. Und manchmal sogar Doppelbock
Eine zu unrecht immens verkannte Spezialität in Deutschland ist: Bier.
Es stimmt mich traurig, wie nebensächlich und belanglos hierzulande oftmals mit dem anspruchsvollen Produkt umgegangen wird. Das halbherzig-szenige herumwedeln mit einer Flasche Becks oder Astra bedeutet durchaus noch nicht die Krone der Bierkultur.
Frankenbiere, Kölsch und Alt halten den regionalen Spezialitäten-Charakter noch einigermaßen hoch. Aber welcher Braumeister kümmert sich in Berlin beispielsweise um die regionale Spezialität Berliner Weisse? Welcher Gastwirt der Hauptstadt bietet klassische Saisonbiere wie Märzen, Bock, Doppelbock, Festbier, Eisbier oder Steinweizen an?
Wer weiß, wie viel Zeit uns noch bleibt, bis die großen Getränkeriesen die individuellen Sorten mehr und mehr einstampfen und uns zu einem einheitlich-gemainstreamten Biergeschmack verdonnern? Wie entrüstet heulte der bundesrepublikanische Bierbauch auf, als bei der Fußball-WM Weiterlesen














