Gründerzeitmuseum Mahlsdorf

Heute habe ich gelernt, was ein Pianola ist. Ich dachte immer, es wäre eine Art kleines Klavier, womöglich mit spanischer Ornamentik.

Ich hatte davon gehört, in Liedform, von Marlene Dietrich, die Fesche Lola! Alles deutete darauf hin, dass Pianola-BesitzerInnen zur Gewalttätigkeit neigen:
„Ich bin die fesche Lola, der Liebling der Saison!
Ich hab ein Pianola zu Haus in mein Salon.
Und will mich wer begleiten da unten aus dem Saal,
dem hau ich in die Seiten und tret ihm aufs Pedal!“

Jedoch: Ein Pianola ist ein Musikautomat, der vor ein Klavier positioniert wird und dieses dann automatisch spielt.
Diese und weitere faszinierende Informationen über das alltägliche und besondere Leben zwischen 1871 und 1914 vermittelt das Gründerzeitmuseum Mahlsdorf.

Das Gebäude von 1815 beherbergt diverse Räume, wie Küche, Salons, Arbeitszimmer, in denen die ganz famose Führung mit schönen Geschichten, Anekdoten und Vorführungen, die Kaiserzeit wieder lebendig werden lässt. Kühlschrank und Kartoffelschäler werden erklärt, eine reichhaltige Sammlung von seltenen Musikautomaten wird zum Klingen gebracht.

Neben den historischen Zusammenhängen erfährt der Besucher Details aus dem Leben eines ganz besonderen Menschen, der diese kleine Perle im finsteren Osten der Hauptstadt zum strahlen gebracht hat: Charlotte von Mahlsdorf. Geboren 1928 als Lothar Berfelde. Während des Rundgangs berichtet unser engagierter und freundlicher Museums-Führer, wie Charlotte mit Herz und Leidenschaft und gegen alle Widrigkeiten der Bürokratie in DDR und BRD für diese Sammlung und für das Gut kämpfte. Von der Denkmalverhinderung der DDR-Zeit bis zu einem brutalen und feigen Überfall von Neonazis auf ein Frühlingsfest 1991.
Dominique Horwitz setzte Charlotte im Herbst 2007 im Berliner Renaissance Theater ein Denkmal in dem Stück „Ich mache ja doch, was ich will.“

Im Keller des Gutshofes kann auf ein Getränk eingekehrt werden in der Originalausstattung der berüchtigten „Mulackritze“, ein Ganovenlokal aus der Mulackstraße unweit der Hackeschen Höfe in Berlin Mitte. Abriss und Platte war das Motto in einigen Bereichen von Ost-Berlin. Charlotte konnte die Inneneinrichtung des Lokals vor der Vernichtung retten und nun ist vom Tresen bis zur Hurenstube ein komplettes Stück „Zille und sein Milljiöh“ zu besichtigen. Allerdings nur Mittwochs und Sonntags 10 bis 18 Uhr.

Derzeit finden noch Renovierungsarbeiten statt, so dass nur etwa 2/3 des Museums zu besichtigen sind. Dafür zahlt man auch nur den ermäßigten Eintritt von 3,50 Euro. Ab April 2009 wird mit der Fertigstellung gerechnet, so dass Gutshaus, Park und Ausstellung so schick wie noch nie erstrahlen sollen und auch wieder Veranstaltungen, Lesungen, Liederabende stattfinden werden.
Charlotte starb 2002, aber wie der Förderverein heute mit ihrem Vermächtnis umgeht, würde ihr sicher gefallen.

Ein Hinweis zur Warnung: Unser Mahlsdorf liegt innerhalb der östlichen Stadtgrenze von Berlin zwischen Köpenick und B1/B5. Es gibt ein weiteres Mahlsdorf in Brandenburg, B96 Richtung Jüterbog und Zossen. Letztgenannte Fahrt könnte sich als ziemlicher Umweg erweisen!

Hultschiner Damm 333, 12623 Berlin-Mahlsdorf
www.gruenderzeitmuseum.de/

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