Golvet – Der Himmel über Berlin

Neue Gourmetfreuden am Landwehrkanal. Bye, bye, 40 Seconds Club – Willkommen Golvet Restaurant!

Einen Satz hörte man in den letzten Jahren immer wieder: „Dining ist das neue Clubbing!“ Und es stimmt. Zahlreiche Nachtschwärmer und Clubgänger der Jahrtausendwende  treffen sich nun wieder. Aber nicht auf der Tanzfläche, sondern in zeitgemäßen, stylischen Restaurants.

DSC00995Nun sollten sich die Berliner Gourmets eine neue (eigentlich ja alte) Adresse fest vormerken: das Golvet an der Potsdamer Straße. Die merwürdige Meile überraschte in den vergangenen Monaten immer wieder. Das Tagesspiegelgebäude wurde der Ausgangspunkt für Kunst und Mode und mit Restaurants, wie Panama, Sticks’n’Sushi oder Brasserie Lumière, hielt dort nun eine fortgeschrittene Genusskultur Einzug. Nach langen Jahren, in denen die Victoria Bar, die Maultaschenmanufaktur und die Joseph Roth Diele als einzige gastliche Hoffnungsschimmer zwischen einem zeitweise Insolventen Wintergarten und dem Kurfürstenstrich leuchteten.

Nun herrscht Aufbruchstimmung und der frühere 40 Seconds Club eröffnete jüngst als Gourmet-Restaurant mit Ausblick. Eins vorweg – lange hat mich keine Neueröffnung gleichzeitig so bezaubert und küchentechnisch fasziniert. 40 Seconds war ja immer als Dauer angegeben, wie lange der Fahrstuhl bis in die 8. Etage benötigte. Dort angelangt, stößt der Gast auf einen ewiglangen Bartresen mit DSC00997wunderschönen Lampen und einem eindrucksvollen Rückbuffet. Barmanager Thomas Altenberger stellte ein hochkreatives Barteam zusammen und signalisiert, dass die Bar nicht hinter der Küche zurückstehen mag.

An der offenen Küche gelangt man in den Haupt-Gastraum. Zunächst gilt es, den Ausblick zu bewundern, denn das Panorama reicht vom Alexanderplatz über die Potsdamer-Platz-Skyline bis hin zur Gedächtniskirche. Und noch darüber hinaus, wie die drei Balkone mit quasi-Rundumblick belegen.

Ca. 80 Gäste finden Platz an den Fenstertischen oder an dem Tresen vor der offenen Küche. Sofort fallen die edlen Materialien ins Auge. Leder. Elegante Hölzer, traumhafte Beleuchtungselemente. Bis ins letzte Detail steckt Hingabe in der Ausstattung. So beim dunklen Besteck oder auch bei den Uniformen des Service-Personals – eine erstaunliche Mischung aus klassisch und sexy.

Aber genug über die Optik – nun wird gegessen. Zur Eröffnung servierte Küchenchef Björn Swanson ein Vier-Gang-Menü. Und was für eins. Swanson zeigt, dass er großartige Lehrmeister hatte, wie Herbert Beltle im Alten Zollhaus, Christian Lohse im Fischers Fritz und Michael Kempf im Facil. Und er beweist, dass der Stern, den er sich im Relais & Châteaux Gutshaus Stolpe erkochte, mitnichten ein Zufallstreffer war.

Ein wundervolles Stück Pulpo mit Kalamansi als Amuse bouche wurde gefolgt von einem Gang, den ich sofort noch einmal vertilgen möchte und den ich in der Geschmackskombination noch nicht hatte: Ein köstliches Stück gebeizter Wildlachs mit Nussbutter und Rhabarber, dazu ein Hauch Miso-Mayonnaise und Dill. Ganz wundervoll. Auch der kleingeschnittene und in Folie geschmorte weisse Spargel mit Sauce Maltaise mundete trefflich. Es ist durchaus mutig, für 100 Eröffnungsgäste Lamm zu schicken. Wenige Sekunden am Herd können den Unterschied machen zwischen Köstlichkeit und Katastrophe. Swanson zauberte  seinen Lammrücken mit perfektem Gargrad vom Robata-Grill und begleitete ihn mit Mehrerlei der Zwiebel, mariniertem Kopfsalat und getrockenteter Aprikose.

Auch das Dessert mit Schokoladen-Crumble und Panna Cotta mit Guave, Pfeffer und Kondensmilch vermochte grandios zu überzeugen.

Was die Getränke anbelangt, so dürfen sich die Gäste auf die spannende Auswahl von Restaurantleiter und Sommelier Benjamin Becker freuen, der zuletzt im Einsunternull wirkte.

Die Bar hatte zur Eröffnung noch nicht den vollen Betrieb aufgenommen, aber die Karte wirkt originell und vielversprechend. Wie eine Kreuzfahrtreise entlang Nord- und Ostsee, inspirieren Spezialitäten aus den angrenzenden Ländern die einzelnen Drinks (und zum Teil auch die Küche). So der norwegisch angehauchte „Galdhøppigen“, mit Aquavit, trockenem Himbeer-Wermut, Tonic Water und Kräuterwolke.

Als Bier-Freund ist für mich natürlich die Auswahl der Gerstensäfte von Interesse. ZuletztDSC01048 durfte sich keine moderen Gastronomie erlauben, das Thema Biervielfalt zu ignorieren. Das ist auch dem Golvet-Team klar und so bestimmen sorgfältig ausgewählte Biere das Angebot. Das Hausbier kommt von der Berliner Craft-Brauerei Malz & Moritz, dazu runden Spezialitäten von Pyraser, Schönramer und Mashsee das Sortiment ab. Persönlich freue ich mich über eines meiner liebsten Weizenbiere, die Ayinger Bräuweisse. Und ein Kirsch-Roggen-Sauerbier aus Norwegen macht sehr neugierig.

Ebenfalls zeitgemäß ist das Konzept, umweltgerecht zu arbeiten. So verzichtet der Küchenchef auf die Verwendung bestimmter Fischgattungen und die Gäste sind aufgefordert, Waschvorgänge zu sparen, indem sie ihr Besteck weiter verwenden (auf Wunsch wird selbstverständlich ausgetauscht).

Was wird also aus dem Golvet? Diese Küchenqualität lässt keinen Gaumen unbeeindruckt. Der Blick und der Stil wird sicher ein Publikum anziehen, das gerne Orte wie Grill Royal  oder Borchardt frequentiert. Und die Möglichkeit, Raumbereiche abzutrennen, schreit geradezu nach exquisiten Runden aus Szene und Kultur. Ein Blick auf den zu Füßen liegenden Potsdamer Platz lässt unmittelbar an Berlinale und Filmtreiben denken. Es ist also womöglich mit Sternchen zu rechnen unter dem Himmel über Berlin. Björn Swanson und sein Küchenstil lassen eher an andere Sterne denken. Golvet – Was für ein aufregende kulinarische Bereicherung.

DSC01047

Golvet // Potsdamer Straße 58, 10785 Berlin-Tiergarten

www.golvet.de

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Ein Kommentar zu “Golvet – Der Himmel über Berlin

  1. […] Vielen Dank an Peter Eichhorn für den wundervollen Bericht zu unserer Eröffnung  https://eichiberlin.com/2017/05/16/golvet-der-himmel-ueber-berlin […]

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