Sling Irrtum

Der Singapore Sling gehört zu den Drinks, die ich sehr schätze und der mit unglaublich schönen Erinnerungen verbunden ist. Eine Zigarre und einen Singapore Sling in der Writers Bar im Raffles Hotel in Singapore zu mir zu nehmen, zählt zu den unvergesslichsten Barmomenten, die meine Erdumtrinkung bislang hervorbrachte.

An jene koloniale Zeitreise dachte ich wohl, als ich im August munter durch Hamburg spazierte und entlang der Innenalster in ein fröhliches Volksfest geriet. Bunt ging es zu: Lustige Bekleidung der Besucher, Bierstände, fragwürdige Caipirinha-Wägelchen. Ein verwirrender Regenbogen der Lebensfreude.

Cocktailgenüsse und Abgründe der Trinkkultur der Elbmetropole lagen noch vor und bereits hinter mir. Derart getränketechnisch fixiert, fiel mein Blick auf einen Stand, der bereits aus der Ferne deutlich sichtbar den vermeintlich Durstigen lockte: „Sling King“, da werde ich bestimmt einen Gin Sling, einen Highland Sling oder die diversen Varianten des Singapore Sling geboten bekommen. Werden sie ihn dort mit Ananassaft oder mit Soda zubereiten? Eine Frage, auf die keine Antwort gegeben werden sollte.

Allmählich lichtete sich der Nebel meiner Wahrnehmung. Das Fest entpuppte sich als Christopher Street Day. Beim näher kommen, stellte sich der Sling King nicht als König des Singapore Sling heraus, sondern als Händler interessanter Vorrichtungen für eine andere Form der abendlichen Geselligkeit. Statt stählernem Shaker, kristallenem Glas und eiskaltem Trank, bot man eiserne Halskrausen, lederne Riemen und hitzige Gemüter.

Ich möchte hier dann doch lieber nichts trinken...

Ich möchte hier dann doch lieber nichts trinken...

Cockwear statt Cocktail. Kann ja mal vorkommen…

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Der Barkeeper im Sozialismus

Wir mixen! So lautet der Titel und somit die beinahe trotzige Aufforderung des Cocktailbuches der DDR.

Udo Henseler und Bernhard Weichsel heißen die Autoren des Werkes, das 1958 erstmals im Fachbuchverlag Leipzig (kurz darauf VEB Fachbuchverlag Leipzig) erschien. Es sollten etliche weitere Auflagen folgen. Die letzte, die in meine Hände geriet, ist die 19. Auflage von 1985.

Wir mixen uns durch zahlreiche Auflagen

Wir mixen uns durch zahlreiche Auflagen

Diese Buch ist ein Stück Kulturgeschichte der DDR, vor allem wenn man genauer hinsieht, wie sich das Buch durch die Jahre verändert hat. Und auch, was sich nie verändert hat. Elf der Auflagen konnte ich mir ansehen und durfte einige faszinierende Details dabei entdecken.

Die frühen Auflagen der 1950-er Jahre gehen entspannt und unpolitisch an das Thema Mischgetränke heran. Selbstverständlich wird oftmals versucht, englischsprachige Begriffe zu vermeiden („Für die Herstellung von Mischgetränken ist der Schüttelbecher von besonderer Bedeutung“), aber wie soll das beim Thema Hahnenschwanz dauerhaft funktionieren?

Man lernt: Mysteriöse Pantschereien sind verpönt, die Milchbar genießt hohes Ansehen und sauberes Arbeiten wird dringend angemahnt. Die frühen Ausgaben verfügen am Ende des Buches zudem über Weiterlesen

Das is ja mal´n Ding!

Schöne Dinge müssen gepflegt werden. Alltagskultur und ihr Design werden mit vorbildlichem Engagement im „Museum der Dinge“, im Werkbund-Archiv in Kreuzberg, seit 35 Jahren aufbewahrt, gepflegt und präsentiert.

Wie eine kleine Zeitreise mutet der Gang durch das Museum an, in dem

Dinge, so weit das Auge reicht

Dinge, so weit das Auge reicht

Flaschen, Sitzmöbel, Zigarettenreklame, Spielzeug und andere Utensilien in den Vitrinen stehen. Man schaut die Exponate der zurückliegenden Jahrzehnte an und stößt irgendwann auf ein Objekt, das zur eigenen Biografie gehört. Kindheitserinnerungen werden geweckt,  das Schmunzeln zu einer vergessenen Episode kommt zwangsläufig ins Gesicht. Weiterlesen

Ich hab´Bock. Und manchmal sogar Doppelbock

Eine zu unrecht immens verkannte Spezialität in Deutschland ist: Bier.

Es stimmt mich traurig, wie nebensächlich und belanglos hierzulande oftmals mit dem anspruchsvollen Produkt umgegangen wird. Das halbherzig-szenige herumwedeln mit einer Flasche Becks oder Astra bedeutet durchaus noch nicht die Krone der Bierkultur.

Bock, Doppelbock und Einbeck

Bock, Doppelbock und Einbeck

Frankenbiere, Kölsch und Alt halten den regionalen Spezialitäten-Charakter noch einigermaßen hoch. Aber welcher Braumeister kümmert sich in Berlin beispielsweise um die regionale Spezialität Berliner Weisse? Welcher Gastwirt der Hauptstadt bietet klassische Saisonbiere wie Märzen, Bock, Doppelbock, Festbier, Eisbier oder Steinweizen an?

Wer weiß, wie viel Zeit uns noch bleibt, bis die großen Getränkeriesen die individuellen Sorten mehr und mehr einstampfen und uns zu einem einheitlich-gemainstreamten Biergeschmack verdonnern? Wie entrüstet heulte der bundesrepublikanische Bierbauch auf, als bei der Fußball-WM Weiterlesen

Bye, bye Bar Gainsbourg…

Serge Gainsbourg hat einmal einen Song mit Namen „Lunatic Asylum“ geschrieben. Sicher trifft diese Bezeichnung auf die eine oder andere Bar zu. Für die die Bar Gainsbourg heißt es jetzt leider vielmehr: „Hou hou hou cha cha cha du loup“ – Der böse Wolf tanzt den ChaChaCha. Dieses Jahr tanzt der Wolf eher einen Flamenco, denn das benachbarte iberische Restaurant wird die Räumlichkeiten der Bar übernehmen, die eigentlich vom Savignyplatz kaum wegzudenken ist, wo sie seit der Mitte der 1990er Jahre eine bewährte Anlaufstelle für Freunde einer wahren „Bar Américain“ bietet.

Eine schöne Idee hatte seinerzeit Barbetreiber Frido Keiling: Eine Bar als begehbarer Nachruf auf einen Musiker, Trinker, Kettenraucher von Format. Seit 1994 treten Cocktailfreunde in ein kleines Stück Frankreich ein und werden mit hervorragenden Drinks beglückt.

Aus den Boxen klingt die passende Musik, teils von Serge selbst, aber immer mit einem Hauch von Chanson, nichts aufdringliches. Schummeriges Licht um die Tische, etwas heller am Tresen. Die Wände sind teils nackter, grober Backstein, teils mit Bildern dekoriert, die Gainsbourg zeigen und schöne Damen wie Catherine Deneuve und Brigitte Bardot. Haben die seine Lieder nicht auch gesungen?
Musiziert wird regelmäßig auch während der Fete de la Musique, da sind die Darbietungen im Gainsbourg schon absoluter Kult.

Die Drinks waren einmal spitzenklasse. Irgendwann hat man aber aufgehört, den neuesten Trends zu folgen. Es gibt ein Motto, wofür braucht man einen Trend? Weiterlesen