Dong Xuan Center (Lichtenberg)

Vietnam in Berlin. Ja, das gibt es. Und es ist vermutlich nicht immer einfach, mit all den Klischees und bisweilen den Vorurteilen umzugehen. Zahlreiche Berliner reduzieren die Vietnamesen der Stadt auf den zwielichtigen Zigarettenhandel, fragwürdige Fingernagelgestaltung und Blumenhandel in Bahnhöfen.

Missbilligend blicken chinesische Restaurantbetreiber auf das Phänomen, dass ca. 75% der China-Restaurants und Asia-Imbisse der Hauptstadt eigentlich von Vietnamesen betrieben werden. Die DDR holte ab Ende der 1960er Jahre ca. 60.000 vietnamesische Vertragsarbeiter vom Mekong an die Spree und nicht immer wurden die Ankömmlinge freundlich behandelt.

Kein Wunder also, dass sich die vietnamesische Gemeinde Berlins ihre

Geheimnisvolle Hallen

Geheimnisvolle Hallen

eigenen Orte in der Stadt geschaffen hat. Manche zurückgezogen im Verborgenen, andere zwar abgelegen, aber dennoch öffentlich. Ein solcher Ort befindet ich im Industriegebiet von Lichtenberg, zwischen der Herzbergstraße, dem historischen Wasserpumpwerk und der Vulkanstraße.

Da stehen sie nun, die sonderbaren Hallen, die zu einer Reise in die vorwiegend vietnamesischen Facetten des asiatischen Berlin mit Treffpunkten, Handel, Import-Export, Gefeilsche und vor allem reichlich Trubel einladen.

Alles geht (s)einen vietnamesischen Gang

Alles geht (s)einen vietnamesischen Gang

Durch jede der drei großen Hallen (weitere sind gerade im Aufbau befindlich) zieht sich ein mittiger Gang, von dem dann die die Geschäfte auf beiden Seiten betreten werden können. Die Hallen ähneln sich vom Sortiment her. Man findet vor allem Supermärkte mit allem, was das Herz eines Hobby-Asia-Kochs erfreut, Geschäfte für alles mögliche aus Plastik (mit und ohne Batterien), wobei Fragen nach Garantie und Haltbarkeit überflüssig erscheinen…, Ausstatter für Nagelstudios, Polyester-, Jeans- und Lederwaren (oft auch von Indern betrieben), Kunststoff(!)-Blumen und in jeder der Hallen zwei oder drei Gaststätten.

Sonntag ist ein großartiger Tag, um sich hier herumzutreiben, denn da werden die Speisehallen zum Treffpunkt für die Familien, Händler und (wenn man Pech hat) auch für Karaokefreunde. Mein Lieblingsrestaurant dort ist das Duc Anh in Halle 3. Der Blick in die Speisekarte erweist sich oft als wenig hilfreich für diejenigen, die der vietnamesischen Schriftzeichen unkundig sind. Am sinnvollsten schaut man in die Schüsseln und Schalen der Speisenden, um sich dann  sich mit Entschlossenheit und Beharrlichkeit an eine der Kellnerinnen zu wenden und auf die Gerichte auf den Tischen zu deuten. Durch unwilliges Nicken wird der Bestellvorgang bestätigt.

Was dann kommt, ist großartig. Dampfende Pho-Suppen, gebackene Desserts,

Pho und so...

Pho und so...

beste Nudelgerichte und frischeste Kräuter. Es ist großartig, wenn beispielsweise mehrere Koriandersorten separat serviert werden und man sich die einzelnen Happen nach eigenem Gusto kombiniert und würzt. Die meisten Hauptgerichte kosten 5.- Euro, eine Kanne Tee 75 Cent. Zwei Personen werden locker für unter 20.- satt, es sei denn man erfragt weitere, exklusivere Spezialitäten wie Meeresfrüchte.

Ich liebe die fernöstlichen Küchen, wobei die vietnamesische diejenige ist, welche mich grundsätzlich am wenigsten zu Freudentaumeln hinreisst. Nur: Little Vietnam in L-Berg ist mehr. Es ist eine echte Expedition, ein kleines

Wertvolle Wegweiser?

Wertvolle Wegweiser?

Abenteuer, ein Gang durch eine verborgenen Türe an der Peripherie der Metropole. Also: Gute Reise!

Herzbergstraße 128-139, 10365 Berlin-Lichtenberg

Geöffnet Mi-Mo 9.00 bis 21.00 Uhr

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20 Kommentare zu “Dong Xuan Center (Lichtenberg)

  1. karu02 sagt:

    Ihr habt es gut in Berlin, müsst nicht mal in ein Flugzeug steigen.

  2. eichiberlin sagt:

    Das stimmt! Wir können beispielsweise auch nach Russland, China, Thailand und in die Türkei laufen. Daher erscheinen wir Berliner auch ohne Flugzeug gerne etwas abgehoben 🙂

  3. martio sagt:

    Hehe, ne Freundin braucht noch so nen Glitzerweihnachtsbaum, gibts bestimmt da auch.

    Da sind solche Dinge, die man nichtmal nach jahrelangem Wohnen in Berlin mitkriegt. Es gibt immer wieder was zu entdecken, aber meist sind die Berliner dann zu faul sich zu bewegen. Es läuft ja nicht weg 😉

  4. eichiberlin sagt:

    Also einen Glitzerweihnachtsbaum in diversen Ausstattungen sollte dort leicht zu finden sein. Über die Haltbarkeit desselben mag ich keine Prognose abgeben.

    Dazu fällt mir wieder ein Titel aus „Bezirkslieder“ von Horst Evers und Benedikt Eichhorn ein. Der Song „Lichtenberg“ wird auf die Melodie von Jingle Bells gespielt:

    Lichtenberg, Lichtenberg,
    mag ich irgendwie.
    Doch ich fahr´,
    wenn ich mal da,
    dann auch gern wieder weg….

  5. frederyk sagt:

    @Die DDR holte ab Ende der 1960er Jahre ca. 60.000 vietnamesische Vertragsarbeiter vom Mekong an die Spree und nicht immer wurden die Ankömmlinge freundlich behandelt…

    Und wieder mal ein bisschen Negativklischee über den Osten kolportiert. Wenn man die Integrationserfolge der Vietnamesen denen der Türken im Westen gegenüberstellt, müssten die Ostdeutschen ja extrem vietnamesenfreundlich sein. Die Vietnamesen haben sich dieses Zentrum geschaffen, weil es auch in Vietnam so üblich ist und nicht weil die Ostler ach so böse/nett sind. Man kann auch mit „gut gemeinten“ Äußerungen beleidigen.

    Und ja die ältere Vietnamesen sind überwiegend schlecht ausgebildet und können oft nur einfache Arbeiten ausführen. Aber das liegt nicht an der vietnamesischen Kultur, sondern an den Kriegsverbrechen und den Zerstörungen, die unsere US-Amerikanischen Freunde mit Unterstützung der Bundesrepublik ihnen zugefügt und ihre Lebensgrundlage fast vollständig zerstört haben. Hier durfte/musste (Entscheidung der Sowjets) die DDR einen Wiederaufbau unterstützen, auch durch die Ausbildung von Fachkräften. Im Gegenzug mussten dafür viele Vietnamesen schwere Arbeit in der Industrie leisten. Wer solche Fakten verschweigt sollte sich derartige Formulierungen wie oben lieber verkneifen. Warum wohl leben fasst alle Vietnamesen in Lichtenberg und Mahrzahn, wo doch die meisten Neonazis leben sollen? Dein Beitrag scheint zwar nett ist aber in mehrere Richtungen beleidigend, weil er ein Menschenbild von oben herab durchblicken lässt.

    • eichiberlin sagt:

      Ein engagierter Vortrag.

      Schade ist es nur, wenn sich Leidenschaftlichkeit und Sachlichkeit bei einer Argumentation ausschließen. Wenn Deine Argumentationskette mit Kriegen in Vietnam (nehmen wir doch ruhig noch die Franzosen mit ins Boot) beginnt, dann durch Kreuzberg zu den Lichtenberger Neo-Nazis führt und in dem Vorwurf mündet, mein Menschenbild wäre von oben herab, dann bin ich doch ein wenig entgeistert.

      Du beschreibst ja selbst, dass die Vietnamesen oft zu sehr schweren und gefährlichen Arbeiten herangezogen wurden. Durch das Rotationsprinzip war ihr Aufenthalt auf maximal fünf Jahre begrenzt und ihre Familien durften sie nicht mitbringen, wahrscheinlich um diese Rückkehr zu garantieren. Nach der Wiedervereinigung hat man Ihnen dann Gelder geboten, damit sie zurück nach Vietnam gehen.

      Die Landeszentrale für Politische Bildung in Brandenburg hat 2009 eine hochinteressante Wanderausstellung zu dem Thema gestaltet:

      http://www.politische-bildung-brandenburg.de/programm/ausstellungen/vietnamesen/index1.html

      Von dieser Ausstellung beziehe ich meine rudimentären historischen Kenntnisse und verbinde sie mit dem Klischeephänomen im aktuellen Berlin. Das die vietnamesische Gemeinschaft in der Hauptstadt teilweise das lebt, was Soziologen als „Parallelwelt“ bezeichnen, ist sicher unstrittig. In diesem Kontext beschreibe ich einen (für mich extrem spannenden) Ort.

      Auch wenn ich der Meinung bin, dass Du hier mit etwas zu großem Kaliber eine Breitseite gegen mich abgefeuert hast, so bin ich Dir doch dankbar für die Anregung, auf dieses viel zu wenig wahrgenommene Thema einzugehen.

      Dazu noch zwei interessante links. Einmal zur „Reistrommel e.V.“, dem Verein, der sich mit den aktuellen Belangen der Vietnamesen in den Gebieten der ehemaligen DDR auseinandersetzt.
      http://www.reistrommel-ev.de/

      Und dann fand ich noch einen lesenswerten Bericht der Deutschen Welle mit einer biographischen Episode zu dem Thema.
      http://www.dw-world.de/dw/article/0,,4871749,00.html

  6. alee sagt:

    hi,
    weiss vieleicht jemand, ob es dort auch Marken sachen zu kaufen gibt
    schuhe hosen jacken nike adidas ect.

  7. Dorrie sagt:

    Hallo,

    ich finde diesen Bericht sehr schön. Wir waren gerade heute wieder da, und es ist wirklich ein kleiner Ausflug nach Asien. Das Personal in dem erwähnten Restaurant ist sehr freundlich und hilfsbereit, soweit die Sprachkenntnisse es zulassen. Und das Essen schmeckt super!

    Besonders toll finde ich die riesige Auswahl an Gemüse und Kräutern, die man in den Hallen findet, zu erstaunlich freundlichen Preisen.

    Aber Markenklamotten, die gibt es da nicht.

    Gruß Dorrie

  8. eichiberlin sagt:

    Vielen Dank für das Kompliment. 🙂

    Wenn ich die Hallen aufsuche, so hat das ebenfalls vorwiegend kulinarische Gründe. Gerade weil das Sortiment doch deutlich die Auswahl in den meisten innerstädtischen Asia-Geschäften übertrifft.

    Bekleidungstechnisch habe ich lediglich die indischen Händler mit ihren Stoffen und Lederwaren und allerlei Importware ohne Marke in Erinnerung.

  9. eichiberlin sagt:

    Habe gerade mal wieder einen Besuch abgestattet. Mittlerweile ist die vierte Halle eröffnet. Sie trägt den Namen „Halle 8“. Logisch.

    Wieder großartigen Karpfen gegessen. Zähes Nachfragen in den Restaurants wird belohnt. Die deutschsprachigen Übersetzungen beinhalten immer nur einen Bruchteil der Muttersprachler-Karte.

    Habe extra nach Markenklamotten geschaut. Es gibt sie tatsächlich nicht. Nur reichlich Importware aller Art, teilweise spottbillig.

    • Dorrie sagt:

      Wie machst Du das denn mit der „Muttersprachlerkarte“? Hast Du Begleitung? Ich bin da leider ziemlich hilflos.

      Ich weiß im Prinzip, wie das ist – seitdem ich Thai lesen kann, esse ich anders. 😉

      Aus verfressener Neugier habe ich aus den Hallen mal ein Gericht mitgenommen (portionsweise verpackt zu finden in den Läden dort), welches gut aussah, und hatte dann reichlich Mühe, herauszufinden, was es war. Es war:

      http://ravenouscouple.blogspot.com/2010/01/be-thui-recipe-vietnamese-roast-veal.html

      Die Vietnamesen im Westteil der Stadt waren da übrigens überhaupt keine Hilfe, sondern die Mitglieder von Chefkoch.de

      Gruß Dorry

      • eichiberlin sagt:

        Danke für den link.
        Die Speisekarten bleiben ein Problem. Einige Dinge merke ich mir, ansonsten heißt es weiterhin: Bedienung schnappen und auf andere Gerichte deuten und vehement verlangen.

        Wobei ich mittlerweile feststellen durfte, dass viele, die dort arbeiten, sich über das Interesse freuen. Neulich wurden mir die diversen selbst-angesetzten Schnäpse erklärt und ich weiß nun, wie man Ginseng-Schnaps selber macht.

  10. mo-cacher sagt:

    Da wohn ich nun schon recht lange gleich um die Ecke in Springpfuhl und habs noch nicht einmal geschafft dort reinzuschauen. Schreib ich mir nun für morgen aber mal auf den Plan!

  11. WOW What a „tip“ 🙂 …ich komme aus Berlin und die besagte Gegend ist gar nicht so weit weg, dass ich da unbedingt mal vorbeischauen muss. Habe erst kürzlich einen Beitrag über Phó Suppe bei mir im Blog reingestellt und wir sind auch Fans davon….Danke fürs „uns teilhaben“ lassen. Merci

  12. Andy sagt:

    Ich bin da öfters, gerade die Asiatischen Lebensmittel gibt es sehr Preiswert und ein Reichhaltiges Sortiment.
    Ein Traum für jeden der selber gerne Asiatische Gerichte kocht. Auch alle anderen artikel sind hier Preiswert zu bekommen, man muss nur handeln.

    Der Besuch lohnt sich auf alle fälle.

    chúc mừng Andy

  13. trudi66 sagt:

    super bericht von den hallen, nächste woche bin ich ganz in der nähe, wegen eines projektes anfang juli (siehe blog), besonders interessieren mich die verschiedenen kräuter und essenssachen dort. auch habe ich ein schwäche für asiakitsch, da wird sich sicher einiges finden lassen.

  14. schrotti sagt:

    we will rock you !

    die Leitkultur bekommt Risse.
    Quittung, Garantie, Umtausch, Sprachklarheit,
    erspart Kosten …

    Entsorgung, elekronische Sicherheit, Herstellerhaftung sind Fremwörter.

    Gut, die 1-megatonne-Bombe bekäme ich dort für 1 euro… billig war es … teuer kam es !!
    (gut, dass es keine Rechnungslegung gab)

    … und das Monitor-Zündkabel konnte auch nichts dafür …. (dass die Bude meines EX abbrannte ….

  15. mona sagt:

    was kostet dort eine french – nagelmodellage?

  16. Angela sagt:

    warum kann man nichts bestellen von den hallen-per Internet (Kleidung)

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