Böhmerland (Spandau)

Böhmen aus ganzem Herzen. Meint dieser Wirt das wirklich ernst? Oder ist der brave Soldat Schwejk mit seinem listigen Witz und seiner Respektlosigkeit mehr, als nur allgegenwärtiges Maskottchen im Restaurant „Böhmerland“?

Dieser Wirt ist ein Original. Stets mit Fliege ausgestattet, preist er unglaublich überzeugend seine Gerichte, deren Frische, Zutaten und Getränke an. Man kann gar nicht anders, als sich der Tagesempfehlung zu unterwerfen. Dabei möchte man der herrlichen Sprachmelodie (bemmisch, noh?) gerne noch weiter lauschen.

Die Küche ist deftig und sehr authentisch. Gerade die berühmten Knödel („Knedliky Omackou“), kommen flockig auf den Tisch. Als Hauptgericht mit zwei Sossen zu 8,50, oder als Beilage zu zahlreichen Gerichten. Vorher wird als Küchengruß ein Paprika-Zwiebel-Quark zu Gebäckstangen serviert, manchmal auch ein frisches Schmalz. Die eigentlichen Spezialitäten kommen aus dem Ofen. Von weither kommen seltsam gewandete Havelländer (Hosenträger über Polohemd) in die „Stadt“ (=Spandau), um die famose Ente zu verschlingen. Heute war Haxe ganz frisch. Mit dunkler Biersosse und natürlich „Kneddeln“. 10,50 Euro für einen riesigen Teller mit einer Haxe von der das Fleisch bei der ersten Gabelberührung ganz leicht herabglitt. Dazu vier Knödelscheiben; wer die böhmischen Knödel kennt, weiß, das ist nicht wenig.
Dazu gibt es Louny Bier in Hell und Dunkel, der halbe Liter zu 3,20.
Espresso und Latte sucht man vergebens. Es gibt eine Variation von türkischem Kaffee („Turek“), der in der Tasse aufgegossen und dann gesüßt wird.

Die beiden Wirtsräume sind gestalterisch so vor 30 Jahren stehen geblieben. Gerade das macht den Besuch für mich zu einer kleinen Zeitreise in meine Kindheit in die dörflichen 1970er Jahre mit Holzvertäfelungen, Bauernmöbeln und den dazugehörigen Tischdecken und Kerzenleuchtern. An der Wand gegenüber dem Tresen hängt die passende Karel Gott Schallplattenhülle. Die Musik ist dementsprechend. Mal die k.u.k. Schunkelklänge, heute -richtig fetzig- erfuhr ich, wie sich „Jailhouse Rock“ in der tschechischen Fassung anhört.

Eine gute, deftige Küche paart sich hier mit einer großzügigen Prise Folklore. Dargeboten von einem liebenswerten, großartigen Wirt.
Ich bin sicher, dieser Wirt meint es wirklich ernst. Dennoch nimmt er mich gewaltig auf die Schippe…

Hoher Steinweg 5, 13597 Berlin-Spandau

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