Selbstversuch: Schaumwein und Säbel

In dem aufschlussreichen Büchlein „Die Welt der Snobs – Leitfaden für Debütanten“, schreibt Antonius Moonen im Getränkekapitel: „Eine Flasche Champagner kann man übrigens auch säbeln. Aber dieses etwas gefährliche Verfahren sollten Sie ihrem Personal überlassen.“

Dummerweise hat mein Personal derzeit längerfristig Ausgang und daher ist

Kopflos

Kopflos

Eigeninitiative gefragt. Vor geraumer Zeit gelang es mir, auf einer Veranstaltung im Cigarrenmagazin Unter den Linden einen Champagner- vertreter dazu zu bewegen, seinen Säbel aus dem Fahrzeug zu holen, um den anwesenden Neugierigen den Umgang mit dem Champagner-Säbel zu demonstrieren.

Das wollte ich dann doch auch einmal ausprobieren. Mich der Lächerlichkeit Preis zu geben, bereitet mir keine Bedenken. Und so griff ich beherzt zu, als kürzlich ein Angebot der Firma Laguiole daherflatterte, in dem ein Champagner-Säbel zum Sonderpreis offeriert wurde. Dem Lehrgang „Flaschensäbeln für Anfänger“ stand also nichts mehr im Wege.

Geschichten um den Ursprung der Sabrage gibt es einige. Vermutlich waren es die Kavallerietruppen Napoleons, die mit Champagnerflaschen in Schlacht zogen, um ihren Sieg angemessen beprosten zu können. Der Eichi, der das Sabrieren (aus)üben möchte, muss sich hingegen auf allerlei Ungemach einstellen. Eines war klar: in der Wohnung die ersten Sabrierversuche zu wagen, würde höchstens dem ortsansässigen Glaser eine Freude bereiten.

Übungspark

Übungspark

In der Nähe meiner Heimstatt liegt nun ein kleiner Park, in dem sich morgens regelmäßig einige meditative Menschen versammeln, um unbewaffnet ihre Tai-Chi Übungen, wie  „Der Kranich, der sein Flügel ausbreitet“, zu vollführen. Ich wähnte diese Gestalten geistig gefestigt genug, um den Park mit einem Säbelträger zu teilen, der sich Ihnen für die Übung „Säbel, der durch den Flaschenhals gleitet“ anschließt.

In Erwartung kompletten Versagens, wollte ich keine meiner kostbaren Champagnerflaschen für das erste Experimentieren opfern. Sekte der Marken Rotkäppchen und Faber wurden in den Park getragen. Dumme Idee, da vergessen wurde, dass diese Billigmarken ja keine Korken-Korken,

Ausrüstung

Ausrüstung

sondern nur Plastik-Korken unter der Folie verbergen. Ein echter Kork ist jedoch Voraussetzung für das Gelingen der Sabrage. Trotzdem schlug und hieb ich wild auf die Bouteillen ein, um den Neigungswinkel der Flasche und das Gleiten des Säbels entlang der Naht am Flaschenhals zu üben.  Das Ergebnis war nur teilweise befriedigend: die Grundlagen des Sabrierens sind sehr offensichtlich und daher nicht übermäßig schwer zu erlernen. Einige verwirrt bellenden Hunde, zwei Mütter mit Kinderwägen, die einen beachtlichen Bogen um den Irren mit dem Säbel einlegten, drei Gestalten, die gleichfalls mit getränketechnischen Absichten im Park verweilten stellten ihre Tetra-Pak Weine beiseite und näherten sich neugierig. Eine emotional labile Nachbarin sah mich ebenfalls dort die

Der Mönch Dom Perignon hätte das anders gelöst...

Der Mönch Dom Perignon hätte das anders gelöst...

Hiebwaffe schwingen und erzählt nun, womöglich schwerwiegend traumatisiert, der Hausgemeinschaft von ihren Amok-Eindrücken des Herrn E. aus dem 1.OG.

Beim nächsten Versuch würde ich Sonnenbrille und Hut tragen, soviel stand fest. Glücklicherweise war heute ein entsprechend sonniger und freundlicher Tag, um abermals Angst und Schrecken unter harmlosen Charlottenburger Parkbesuchern zu verbreiten.

Für den Probe-Hieb sollte diesmal eine Flasche Rüttgers Club herhalten (übrig geblieben von meinem dämlichen Billigheimer-Plastikkorkenkauf), der aber im Zweifel die Tetra-Pakianer taktisch ablenken würde. Für den Ernstfall war ein überaus empfehlenswerter Blanc de Noir, Cremant de Bourgogne, von Paul Delane (erhältlich bei Rindchens Weinkontor) im Gepäck. Garantiert mit Korken-Korken.

Passend zum Anlass und auch zum Ort führte ich die Zeilen des Balladendichters Moritz Graf von Strachwitz (1822 bis 1847) auf den Lippen:

Schlage zum Himmel, Champagnergezisch,
Springe in silbernen Strudelkaskaden,
Schieße in pochenden
Bäumenden Fluten,
Fließe in kochenden
Schäumenden Gluten,
Ähnlich dem Bronnen der Quellennajaden,
Drin sich die Glieder der Artemis baden,
Tief in des Idas Cypressengebüsch.

Ob es Cypressengebüsche waren, welche mich im Park empfingen, vermag ich nicht zu sagen. Die Wermutbrüder waren jedenfalls wieder zugegen und auch die Hunde, die ich aber nicht zum Spielchen „bring den Korken“ verleiten mochte. Also säbelte ich diesmal in Richtung Westen und nicht auf die Wiese. Selbstverständlich sprudelt ein wenig Schaumwein nach dem Hieb heraus.

Forme die Perlen von silbernem Schaum,
Die sich erheben aus siedendem Spiegel,
Die in den spitzigen
Trichterpokalen
Funkelnd dem hitzigen
Sprudel entstrahlen,
Die aus der Flasche gebrochenem Siegel
Schweben und tanzen auf duftigem Flügel,
Steigen und sinken im goldigen Raum.

Ja, das Siegel war wohl gebrochen. Der Graf würde sich im Grabe wälzen, bei dem Gedanken, seine Zeilen im Rahmen einer Flasche Rüttgers Club angewandt zu ahnen. Meine Verkostungsnotiz beschränkt sich gleichfalls auf ein uninspiriertes „Bäh“. Also her mit dem feinen Cremant, jetzt wird die Sache ernst. Die Hand zittert, der erste Schlag geht fehl, der zweite muss es richten, wird es gelingen? Und dann:

Schlagt auf die Becher mit wirbelndem Schlag,
Dass sie erbrausen in rollendem Falle;
Lasst in den duftigen
Tiefen des Nasses
Tanzen die luftigen
Geister des Fasses,
Lasst sie in spritzendem, staubendem Falle
Stürzen aus blitzendem Becherkrystalle;
Kurz ist der Jugend moussierender Tag!

Hut ab: Kopf ab. Der köstliche Blanc de Noir erbraust in das mitgebrachte Gefäß um auf den Sabreur zu prosten. Na geht doch!

Unser snobistischer Lehrmeister, Antonius Moonen, würde pikiert die blasierte Nase rümpfen, da eigentlich -selbstverständlich- eine Flasche Krug  oder Roederer Cristal hätte herhalten müssen. Sabrage-technische Sponsoren können sich diesbezüglich sehr gerne bei mir melden.

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11 Kommentare zu “Selbstversuch: Schaumwein und Säbel

  1. Joerg Meyer sagt:

    Das Sabrieren mit dem Säbel ist gut. Die Kunst ist, die Flasche mit dem Champagner Glas zu sabrieren. Auch das ist relative einfach, man muss das Glas kräftig auf der Flaschen Naht reiben und dann beherzt nach oben an den Rand schlagen. Zu beginnt bricht noch jedes fünfte Glas – mit etwas Training gelingt es immer. Ist irgendwie cooler als son Säbel…

    Gruß

    Jörg Meyer

    • eichiberlin sagt:

      De Ansatz leuchtet mir ein. Leider sind bislang alle Versuche mit dem Champagnerglas, denen ich beiwohnen durfte, schief gegangen und haben der Glasindustrie ordentliche Umsätze beschert.

      Meine Park-Sabrage-Erfahrung lässt mich bis auf Weiteres zum Säbel greifen, da ich den Satz: „Warum haut der Irre mit dem Säbel auf die Flasche?“ dann doch archaischer und somit cooler finde, als „Warum haut der Irre mit dem Glas auf die Flasche?“

  2. oachkatz sagt:

    Ich hätte es zu gern gesehen. Wann sabrierst Du üblicherweise so?

  3. Lakritze sagt:

    Hach. Ein Beleg für die These, daß es immer noch ein bißchen spezieller geht. Sowas liebe ich.

  4. richensa sagt:

    Liebster Eichi,

    welch‘ ein Einsatz um die Beantwortung meiner simplen Frage! Ich bin gerührt und geschüttelt vor Rührung wie eine Flasche, die zum Sabrieren in den Park getragen wurde….

    (Im übrigen hat Rotkäppchen im Preissegment oberhalb der 6 Euronen auch Korken-Korken im Flaschenhals versteckt, verzeih‘ diese schnöde Bemerkung…)

    • eichiberlin sagt:

      Ohm das ist durchaus aufschlussreich. Leider versteckt sich das Korken-Korken Sortiment von Rotkäppchen eher im Einzelhandel-Untergrund. Selten offensichtlich auffindbar.

  5. kormoranflug sagt:

    Wunderbare Idee und toll geschrieben. Tränen des Lachens flossen über mein Gefieder. Hoffentlich gehst Du nicht zu den schlagenden Verbindungen….! 😉

  6. Did you notice the Yorkshire Terriers, superbly dressed and trimmed, on the “dogwalks” of Emporio Armani and Mulberry, announcing the next season autumn/winter 2011/2012 and the new collection of Jean-Charles de Castelbajac inspired by the “101 Dalmatians”? And what to say about the ostentatious and affected dignity of the TopShop Unique models, parading with their distinguished make-up and hairdressing which made them look like a pack of Shih-Tzu? Or fashion icon Liv Tyler, posing with a huge and ferocious Doberman printed on her sweater?

    Obviously, the canine family is indeed very hip! Meanwhile, many questions might occur: how to select a fashionable puppy, how to find him a trendy name, where to buy his designer outfits, how to choose a tasteful basket, a park or a fancy kennel where he (or she) can make some aristocratic friends, how to feed him or where to find a chic hotel where the room-maids will gladly pamper your precious pet?
    Now, if your doggy is a snob (what we sincerely hope) and thus fluently French-barking of course, then you both should run immediately to your bookshop and order the only manual of savoir-vivre entirely devoted to your four-legged friend that contains all the answers and name-dropping you need.

    Antonius Moonen :

    « Manuel de savoir-vivre à l’usage des maîtres et maîtresses de chiens »

    ISBN : 978-2-355-97010-8
    Éditions L’Inventaire Paris, France / Distribution Actes Sud, Arles France

    Available mid-May 2011 in all the snobbish bookshops in France, Belgium and Switzerland.

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