Möchtegern-Mythos-Macher? Waldorf Astoria in Berlin

Aura Berlin. Berühmte Berliner Luft. Großstadtlegenden und Goldene 20er. Damals der Slogan: „Du bist verrückt mein Kind, Du musst nach Berlin!“ Klang doch irgendwie netter, als „Be Berlin“, (was wohl sowieso von „Be Birmingham geklaut war“. Da ist sogar „I Amsterdam“ cooler).

Berlin ist arm dran. In mehrfacher Hinsicht. 80% der Stadt wurde im zweiten Weltkrieg zerstört und der Wiederaufbau suchte Neues und nicht die Behutsamkeit des Bewahrens. Heute ist die Aura der Vergangenheit oft sehr willkommen, sie wird nur zuweilen eher mittelmäßig umgesetzt.

So strömen Besucher in den Friedrichstadtpalast, mit seiner eleganten Plattenbauweise à la aserbaidschanischer Rokoko. Das Adlon durfte vor geraumer Zeit gleichzeitig 10- und 100-jähriges feiern (erinnert sich noch jemand an den unterhaltsamen Prozess, als ein Kneipenwirt am Adenauerplatz, die Gerichtsverfahren um die Namensrechte gegen die mächtige Hotelkette gewann?). Das Kempinski am Kurfürstendamm hat lange gebraucht, eine Gedenktafel für die enteigneten jüdischen Gründer anzubringen. Das Lutter & Wegener am Gendarmenmarkt macht es noch recht schlau, die Aura von E.T.A. Hoffmann und Ludwig Devrient zu kultivieren, obwohl der Ort nicht der originale ist. Ein Aschinger ist wieder aufgetaucht. Gleich am S-Bahnhof Tiergarten hat sich derjenige, der sich die Namensrechte angeeignet hat, niedergelassen, um bemitleidenswerte Spaziergänger leidlich abzuspeisen und mit grellem blauen Licht zu terrorisieren.Immerhin bleibt uns somit das erbärmliche Hooters-Konzept erspart. (Heinz Horrmanns wundervolle Berichterstattung verführt mich jedoch heute noch zu lautem Gelächter!)

Wo sind originale Orte? Für den Admirals-Palast hätte die Stadt seinerzeit beinahe Abrissgenehmigung erteilt, nachdem Rene Kollo mit seinem Operettenkonzept versagte. Der Denkmalschutz kämpft stets gegen Windmühlen und leere Kassen. Am Kurfürstendamm hat 2011 Mövenpick seinen Standort aufgegeben (man möchte sich auf Raststättengastronomie konzentrieren) und übergab die wundervollen, historisch original erhaltenen Räume von „Mampes gute Stube des Westens“ an McDonalds. Immerhin haben die Fleischklops-Brater völlig unverhofft den alten Charme der Räume rudimentär beibehalten. (Ich berichtete damals auf der Explorise-Plattform unter dem Titel: McDenkmalschutz oder McAbrissbirne) , auch wenn nun verwirrte Teenager, vor Cheeseburger-Einwickelpapier, auf kaiserzeitliche Stukkaturen starren.

In diesem Umfeld geht nun 2012 also ein Waldorf Astoria an den Start. Zwischen Gedächtniskirche und Beate Uhse, bei Burger King und A&O Hostel. (In diesem Zusammenhang sei noch der benachbarte Dunkin´ Donuts boykottiert, der die legendäre Fussballkneipe „Hanne am Zoo“ verdrängt hat). Nun werden also Paris und Nicky Hilton die neuen Kinder vom Bahnhof Zoo. Die Exklusiv-Marke von Hilton errichtet das neue, höchste Gebäude in der City-West. Ein wenig Aufmerksamkeit wird der Gegend um den Bahnhof Zoo gut tun, gilt doch die Aufmerksamkeit derzeit, eher dem früheren Ostteil der Stadt.

Bei einer Baustellenbegehung für Journalisten gab es Ernüchterndes zu hören. So werden die obersten Etagen den teuersten VIP-Gästen vorbehalten sein. Die Hoffnung auf eine Sky-Bar löst sich in Wohlgefallen auf. Kulinarische Gäste bleiben im unteren Bereich. Schade. Wobei natürlich der bewährte Satz „Wir wollen auch ein Haus für die Berliner sein!“ nicht fehlen darf. Zwangsaussage jeder PR-Kohorte, selten wahr. Ich glaube, das Ritz-Carlton am Potsdamer Platz, ist das einzige Hotel, was diesen Leitsatz tatsächlich und aufrichtig umsetzen möchte.

Das Waldorf Astoria bemüht Mythen. Es wird eine Gastronomie geben, mit dem Namen „Romanisches Café“. Jenes legendäre Etablissement der 20-er Jahre, das die Bohème und intellektuelle, geistreiche Elite der Zeit zusammenführte. André Gide, die Ullstein-Brüder, Billy Wilder, Albert Einstein, Samuel Fischer, Else Lasker-Schüler, Otto Dix, Bertold, Brecht und Alfred Kerr. Mutig, oder? Wer soll da heute einkehren? Wie wird es das Original zitieren? „Wir werden wohl ein paar Bücherregale reinstellen“, lautete die Antwort des Pressebeauftragten.

Ein super Restaurant ist auch schon angekündigt. „Les Solistes by Pierre Gagnaire“ soll der Name lauten. Eines der mittlerweile arg populären Konzepte, bei der medienrelevante Köche ihren Namen und ein paar Rezepte abgeben, um Schlagzeilen zu gebären. Pierre Gagnaire, der sympatische kulinarische Wirbelwind, passt immerhin extrem gut zu Berlin. Er ist wohl einer der wenigen Drei-Sterne-Köche, die insolvent gingen. Damals, in St. Etienne. Pleite und Sexy, oder so ähnlich. Ein Dutzend Restaurants weltweit geniessen derzeit seine Patronage…Eine erste Präsentation der Speisen soll bereits stattgefunden haben. Wohl in sehr kleinem Rahmen. Für diese Speisen wird dann der Belgier Roel Lintermans als Küchenchef verantwortlich zeichnen. Küchenchef oder Marionette? Ich bin da O/P-mistisch.

Eine Bar wird es auch geben, was aber ein anderes Thema ist, über das beizeiten gestänkert wird.

Abschliessend kann ich noch das Musterzimmer preisgeben. 232 Zimmer und Suiten sind vorgesehen. Ein erster Eindruck (sympatischerweise mit einer leeren Moet-Chandon-Flasche garniert) hier:

Mehr Informationen auf der Netzseite: http://waldorfastoria3.hilton.com

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7 Kommentare zu “Möchtegern-Mythos-Macher? Waldorf Astoria in Berlin

  1. wassily sagt:

    Schöne Erinnerung an verloren gegangene Plätze.
    „Be Berlin“ ist für eine Metropole ziemlich Be scheiden.

  2. oachkatz sagt:

    Eigentlich ganz gut, dass ich in Berlin nicht ins Hotel muss. ich bin ja mal gespannt, ob die Rechnung fürs Waldorf aufgeht an diesem Standort.

    • eichiberlin sagt:

      Ich bin da auch sehr gespannt. Veränderungen können in der City West nicht schaden. Wenn man noch schaut, was sich gegenüber mit dem Zoo Palast und dem Bikini Haus tut, dazu das Haus Wien, Haus Cumberland und Kudamm 195, kann das die Ecke schon aufwerten.

  3. kormoranflug sagt:

    Das berühmte Waldorf Astoria in New York ist inzwischen erheblich in die Tage gekommen und versprüht den Geist der „Alten Zeit“. Die gezeigten Bilder vom Zimmer des Berlin W.A. können allerdings nicht annähernd an das Original anknüpfen.
    Wenigstens habt Ihr die Betten ordentlich zerwühlt.

  4. richensa sagt:

    Tja, versuche mir gerade Paris & Nicky H. als Kinder in der Nähe des Bahnhofs Zoo vorzustellen, großes Kino, eichi! 😉

    Aber schöne Bilder über das winterliche Grau von Be B.

    • eichiberlin sagt:

      Der Ausblick von da oben ist wahrlich großartig. Zu schade, dass er demnächst dann dem Präsidenten und dem Emir vorbehalten sein wird.
      Gibt´s nicht diesen Song: „Ich geb’s ja zu, ich bin der Scheich von Bahrain,
      ich habe tausende Lippizaner und mein Harem ist nicht klein. Und ich steig jetzt ein, in die U9“?

  5. judyc sagt:

    „In diesem Zusammenhang sei noch der benachbarte Dunkin´ Donuts boykottiert, der die legendäre Fussballkneipe “Hanne am Zoo” verdrängt hat“

    Da sei aber auch der xte Berlinsouvenirladen der Gegend erwähnt, der sich im eigentlichen Schankraum von Hanne breitgemacht hat. Das DD befindet sich im ehemaligen Hinterzimmer.
    Hanne war der wirklich letzte Lichtblick der ganzen Passage, nachdem schon Jahre zuvor der „Presseclub“ einem BK weichen musste. Auf dem Weg vom Bahnhof Richtung KuDamm heißt es hier jetzt nur noch „Augen geradeaus und durch“.

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