Andere Zeiten, andere Besetzer

Das Lenné-Dreieck. Hier macht das Besetzen anscheinend am allermeisten Freude. Wer erinnert sich noch? Bis zum Juli 1988 war das Grundstück am Potsdamer Platz eines der merkwürdigen Areale, die auf der Westseite der Berliner Mauer lagen, aber zu Ostberlin gehörten.

Rare Spirituosen...

Die Polizei (West) durfte Gelände dieser Art nicht betreten, so hatte sich dort eine Zeltstadt mit einigen Hundert besetzenden Gestalten gegründet, die sich dem linksalternativen Kosmos zuordneten und fröhlich vermummt zu lauter Musik um brennende Mülltonnen tanzten. Im Sommer 1988 kaufte der Westen dem Osten ein gutes Dutzend derartiger Gelände für einen ansehnlichen zweistelligen Millionenbetrag (DM) ab.

Vier Hundertschaften der Polizei kamen angetrabt, um den Besetzern ihr Gewohnheitsrecht des Campierens streitig zu machen. Knapp zweihundert der seltsamen Bewohner kletterten daraufhin über die Mauer gen Osten, eine Fluchtrichtung, die bis dahin eher unter repräsentiert war. Die ex-Besetzer bekamen ein DDR-Frühstück serviert und ließen sich danach diskret über die Grenzübergänge in den Westen abschieben. (Meine Vermutung: Es lag am Kaffee. Frei nach dem Spruch: Jakobs ist die Krönung, Mokka Fix ist der Gipfel!) Die West-Schupos fanden die vermeintlich größte Ansammlung an gestohlenen Fahrrädern,

Schwaben sind derzeit gerne unwillkommen in Berlin, selbst auf dem Lenné-Dreieck...

die sich bis dato angesammelt hatte.

Die Zeiten ändern sich. Auf exakt jenem Gelände gibt es heute anstelle eines autonomen Zeltlagers, Edelherbergen à la Ritz-Carlton und Marriott; statt selbst gefangener Kaninchen über Lagerfeuer, werden feinste Austern und geniale Steaks serviert.

Besetzer gibt es immer noch, nur ein wenig anders. Nämlich ohne Vermummung und Irokesen-Frisur (würde jedoch auch nicht überraschen…). Einmal im Monat wird in diesem Jahr die Exchange-Bar des

Exchange times...

Marriott Hotels von fragwürdigen Gestalten besetzt um das Stamm-Personal und die Gäste radikal zu verwirren und subtil zu verwöhnen. Die Herren von Triobar und Rum-Club bemächtigen sich des Tresens, um mit anspruchsvoller Mix-Kultur die eingefahrene Hotel-Bar-Attitüde aufzumischen, anzuregen, voran zu bringen. Jeden Monat gibt es ein eigenes Motto, ein neues Bar-Menü und spannende Getränke. Am Montag, dem 19.04. ab 18 Uhr ist es wieder so weit.

Zugegeben: Das Motto „Frühling“ klingt in diesen Tagen nur moderat originell, wenngleich wohlmeinend willkommen. (Vermutlich freuen wir uns, dass die Konzepte „Vulkanstaub“ und „Flugunfähigkeit“ verworfen

Auch die Berliner Weisse ist ein anspruchsvolles Mixgetränk....

wurden.) Das vorgesehene Menü kann unter Triobar eingesehen werden. Neben dem verschwiegenen Cocktailmotto läuft der reguläre Hotelbarbetrieb selbstverständlich weiter. Wer die beiden Herren kennt, wird sich amüsieren dürfen, wenn sie, entgegen jedweder originärer Absicht,  Bier zapfen, Berliner Weisse anrühren und Talisker auf Eis servieren müssen. Für den Eichi wird am südlichen Ende des Tresens ein Platz reserviert sein und er freut sich auf jedwede Gesellschaft, um anzustoßen auf den Frühling, Vulkanaktivitäten, Hertha BSC oder den

Lenné Dreieck reloaded....

Besetzer an sich.

Marriott Berlin Hotel: Inge-Beisheim-Platz 1, 10785 Berlin-Tiergarten

Rum Club

Triobar

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7 Kommentare zu “Andere Zeiten, andere Besetzer

  1. philipp1112 sagt:

    In Berlin ist wohl zur Zeit jeder Gegner der Hertha unwillkommen – Hertha bei deren Gästen als Gegner hingegen recht willkommen.

  2. Wassily sagt:

    Ganz ehrlich – unsere Jungs haben nur die drei Punkte aus Berlin mitgenommen, sonst nix.

  3. eichiberlin sagt:

    Ja,ja, macht Euch nur lustig über den desolaten Zustand des Ha-Ho-He-Hauptstadtfußballs.

    Bereits vor den entführten drei Punkten machte sich in Berlin allerdings bereits eine gewisse Schwaben-Skepsis (ich nenne es mal so) breit.

    >Das Stadtmagazin Zitty fragt die Berliner nach ihren Lieblingsfeindbildern. Ungeschlagen auf Platz eins landet dabei: der „Porno-Hippie-Schwabe“!<
    Ein Auszug aus einem Artikel der Süddeutschen. Den kompletten ethnografischen Aufsatz gibt es hier:
    http://www.sueddeutsche.de/panorama/742/452446/text/

  4. Wassily sagt:

    Scheißegal – nenn es Zweifel, nenn es offenen Hass. Tatsache ist, es gibt in Berlin einige ziemlich larmoyante Schwarzkaputzenshirt-Träger, denen wir als Feindbild gut taugen.

    Nun gut , mein Sohn nebst Freundin lebt mitten in Friedrichshain, ohne jedes Problem, mit einem großen Freundeskreis von Berlinern und anderen Zugezogenen.Hab ich was falsch gemacht, hätte ich ihm eine M-Klasse vor seine luxuriös sanierte Penthousewohnung in der Gabriel-Max-Straße stellen sollen ?

    • eichiberlin sagt:

      Gefährlicher Gedanke. Derartige Vehikel werden derzeit im F´Hain beängstigend oft mit nächtlichen Brandbeschleunigern ästhetisch umgestaltet.

      • richensa sagt:

        Täte er heute in der Gabriel-Max-Straße parken, täte ihn der Abschleppdienst ins sichere Gewahrsam bringen, dort ist heute, wie in den anderen Straßen rund um den Boxhagener Platz absolutes Park- und Halteverbot.
        Damit die „Wannen“ der deeskalierenden Polizei genug Parkraum haben.

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