Tückisches Trunkenheits Treffen – Biermeile Berlin Teil 2

Teil 2: Was war eher mau und unbefriedigend auf der Berliner Biermeile 2011?  In Teil 1 ging ich ja bereits auf die guten Momente dieser großen Gerstenveranstaltung ein und bekomme jetzt noch Durst, wenn ich an so

Die dunkle Seite

Die dunkle Seite

manch schönes Gebräu erinnere. Allerdings gab es auch fragwürdige und rätselhafte Begebenheiten, die ich natürlich auch berichten mag.

A) Eine Gruppierung, die zu den frühen Vögeln auf der Veranstaltung zählte, waren die Sammler von Bierdevotionalien. Nun gibt es dabei hochspannende Aspekte, wie beispielsweise historische Bieretiketten als kulturell-künstlerische Zeitreise. (Das Sammeln von diesen Mini-Biertrucks hingegen, leuchtet mir nur mäßig ein, allerdings ist es natürlich sehr preiswert.) Aasgeiergleich kreisten jedoch die Kronkorkensammler über der Biermeile. Grimmig und penetrant belagerten sie die Stände, deren Faßbierausschank jedoch ihre Sammelleidenschaft offensichtlich teilsabotierte. Ewig belagerten sie die Tresen und hielten die Zapfer von wichtigeren Aufgaben ab, um die Herausgabe von gezacktem Metall zu erzwingen. Sehr oft langten sie ungehemmt hinter den Tresen und griffen sich alles, was lose herumlag und erwiesen dem Ruf der ehrenwerten Sammlerschaft damit keinen guten Dienst. Man greift nicht ungefragt hinter einen Tresen!

B) Bitter bereuen musste das Hofbräuhaus Traunstein eine sehr überflüssige flüssige Aktion. Man hatte anscheinend das eigentliche Thema des Bierfestes missverstanden, dafür aber wohl ein Sonderangebot von Erdbeeren abgestaubt. Flugs panschte man eine fröhliche Erdbeerbowle zusammen, die dann vorportioniert in Bechern auf dem Tresen herumstand. So erfuhr das unbedarfte Personal des Traunsteiner

Stimmungsvolle Dekoration?

Stimmungsvolle Dekoration?

Höfbräus aus erster Hand, dass die Berliner Wespen den letzten Winter sehr gut überstanden haben. Der menschliche Andrang hielt sich hingegen an jenem Stand in verständlichen Grenzen. Schade, denn das Bier dieser Brauerei ist doch sehr ordentlich.

C) Was die atmosphärische Ausgestaltung anbelangt, wurde recht wenig Fantasie bewiesen. Weiss-blaue Rautenmuster gehen natürlich immer, was soll man da biertechnisch schon falsch machen, aber das lieblose abstellen von beliebigen Dachbodenfunden sollte nicht als „stimmungsvolle Dekoration“ angepriesen werden.

D) Modetechnisch gesehen, war die Biermeile eine Katastrophe. Gut, die Biermeile ist keine Fashion Week und bei hohen Temperaturen ist der leichte Biertrinkeranzug eh befohlen, aber der zwanghaft Wunsch, sich im Kollektiv zu uniformieren, bleibt mir schleierhaft. Vier Gruppen von Uniformierten konnten wahrgenommen werden. 1. Provinzielle Runden, deren gemeinschaftlicher Ausflug zu einem Bierfest das wohl kulturell herausragendste Vorkommnis im Kalenderjahr bedeutet. Das Gruppengefühl wird durch eine einheitliche Oberbekleidung gestärkt, das eine Aufschrift trägt, die entweder unfassbar lustig ist (Hopfen und Malz, ab in den Hals), oder ein respektables und unumstößliches Bekenntnis  zum Lieblingsgetränk und der Lieblingsveranstaltung beinhaltet (Wir trinken Bier, drum sind wir hier). 2. Junggesellenabschiede und internationale Spaßrunden, die sich mit sorgsam zusammengewürfelter Kostümierung die von Andy Warhol versprochenen 15 Minuten Berühmtheit verschaffen wollten. 3. Isolierte Aussenseiter, die trauerten, weil sie keiner der lustig kostümierten Gruppen auf der Veranstaltung angehörten. Sie alle pilgerten zum Astra-Stand, der die Sorgen und Nöte jener Zielgruppe rechtzeitig begriffen hatte und diese mit Pappkrönchen der Marke versorgte, die Kindheitserinnerungen an Geburtstage beim Burger-Bräter wach riefen. Vermutlich unbeabsichtigt sorgte Astra somit für die größte uniformierte Gruppe des Festivals. 4. Polizei- und Sanitätskräfte, die mit fortschreitender Tages- bzw. Nachtzeit eingreifen mussten, um hilflose Gestalten in fortgeschrittenem Lall- und Torkelstadium vor sich selbst zu schützen. Ihre Zielgruppe rekrutierte sich vorwiegend aus den beschriebenen Kategorien 1 bis 3.

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E) Mir macht es sehr viel Freude, von Bieren zu schwärmen, denn Bier kann so köstlich sein. Aber: Bier ist Geschmackssache und die Vielfalt möge weiterhin garantieren, dass jeder sein persönliches Lieblingsbier geniessen kann. Es mag auch durchaus sein, dass so manch begeisterter Bierfreund eben gerade nicht meine Leidenschaft teilt, für Biere wie Fuller´s ESB, Unertl, Firestone Walker Pale Ale, Hitachino White Ale und alles, was mit Sorachi Ace Hopfen gebraut wurde. Aber die augenscheinliche Popularität eines bestimmten Gerstensaftes gibt mir dann doch Rätsel auf. Das Lausitzer Porter von der Bergquell Brauerei Löbau erfreute sich unglaublicher Beliebtheit. Der Andrang am Ausschank war immens und zahlreiche Menschen trugen

T-Shirt am Lausitzer Porter Stand: SOS - Saufen ohne Sinn

T-Shirt am Lausitzer Porter Stand: SOS - Saufen ohne Sinn

T-Shirts der Marke. Ich habe mein bestes versucht, um diesem Getränk etwas abzugewinnen, aber es gelingt mir nicht. Die künstliche Süsse, die einen Anflug von Schokolade in dieser 4,4%-Brauware umgibt, ist mir unangenehm, un-bierig und mag mir einfach nicht schmecken. Eigentlich finde ich Porter sehr spannend und ich bin froh, dass ich in Berlin Zugriff habe auf Produkte wie das Porter von Anchor Brewing aus San Francisco oder das Meantime London Porter. Zudem hatte ich das große Glück, das Swan Lake Porter aus Japan verkosten zu dürfen. Ich bin sicher, auch deutsche Braumeister können ein ordentliches Porter herstellen. Für diesbezügliche Tipps bin ich sehr dankbar. Deutschland hat eine alte Porter-Tradition, die durchaus etwas süsser, aber auch alkoholischer ausgeprägt war, als die englische. Die Lausitz mag auf ihrem Porter aber gerne sitzen bleiben und es weiterhin mit Kirsche und Erdbeere anreichern und es gar im Winter erwärmen, wie der Hersteller für seinen Porter-Punsch rät.

Am Ende bleibt das offizielle Internationale Berliner Bierfestival doch die inoffizielle „Biermeile“. Ein Volksfest mit reichlichem Bierausschank. Die Quantität beeindruckt:Der Rekordversuch für den längsten Biergarten, 800.000 Besucher, 2.000 Biere von 300 Brauereien aus 86 Ländern. Die Qualität? Klar, teils prächtige Biere und eine Menge Spaß (beim trinken und beim Leute gucken), aber wäre nicht auch einmal ein Bierfest in Deutschland möglich, mit Vorträgen, Führungen, Probierrunden, bei dem Braumeister referieren, Bier-Sommeliers Verkostungen moderieren und Spitzenköche Menüs zum Bier kreieren? Ich habe so etwas erlebt und beneide die New Yorker seither sehr.

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7 Kommentare zu “Tückisches Trunkenheits Treffen – Biermeile Berlin Teil 2

  1. vilmoskörte sagt:

    Endlich und lang erwartet der zweite Teil.

  2. kormoranflug sagt:

    Bierfest-… da war doch was? Ach ja „Oktoberfest im September“.

  3. heysan eichi kann ich das (evtl. gekuerzt und mit meinem persoenl kommentar ergaenzt) im magazin bier.pur veroeffentlichen? (natuerlich mit quellenangabe)
    der biersepp
    http://www.biersepp.eu

  4. Und ich beneide dich um das Erlebnis in New York.
    Ein sehr schöner und treffender Artikel.

  5. Ludger sagt:

    Es war mein erster Besuch der Biermeile. Letztendlich positiv überrascht! Es war Kommerz, erträglich, nicht unerträglich. Empfehlung: Am frühen Nachmittag ist es noch entspannt.
    Bester Service zum Bier: Bei Radigks aus Finsterwalde
    Gute Stimmung: Da wo tatsächlich Kölsch und Alt an einem Stand ausgeschenkt wurde (Füchschen und Mühlen).

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