Dos Palillos: Nachtschwärmer im (Wan-Tan-Tapas) Diner

Von außen betrachtet wirkt das Restaurant „Dos Palillos“ tatsächlich ein wenig, wie das berühmte Gemälde von Edward Hopper. Aufgereiht sitzen die Gäste an einem langen Tresen, durch die Fenster blickt man auf ihre Kehrseiten.

Brett vor dem....Fenster

Brett vor dem….Fenster

Dieser erste Eindruck kommt eher kühl daher, was sich rasch verflüchtigt, wenn man den Gastraum mit den merkwürdigen goldenen Decken (also im Sinne von Stoff) betritt und sich ebenfalls an den Tresen platziert.

Köstliche asiatische Happen erwarten die Gäste, was zunächst einmal wenig offensichtlich scheint. Denn: Wir sitzen im Casa Camper, dem Hotel einer spanischen Schuhfirma. Dos Palillos bedeutet übersetzt „zwei Zahnstocher“, oder umgangssprachlich: „Ess-Stäbchen“. Das Innendesign stammt von den Pariser Designern Ronan und Erwan

Blick in die Küche

Blick in die Küche

Bouroullec, das Kulinarische Vorbild/ Stammhaus befindet sich in Barcelona, der eigentliche Createur der Speisen ebenfalls, Albert Raurich, der zuvor ca. 10 Jahre Chef de Cuisine im ElBulli von Ferran Adria war, uns aber weder mit molekularen Experimenten, noch spanischen Tapas konfrontieren möchte.

Der Zahnstocher an sich schlägt womöglich die Brücke. Schließlich stammt der älteste überlieferte Zahnstocher aus China und taucht in einem Brief aus der Chin-Dynastie auf (ca. 265 bis 420 n.Chr.). Richtig populär wurden Zahnstocher jedoch erst zur Zeit der Song-Dynastie, 600 Jahre später.

Asiatische Tapas trifft es noch am ehesten. 12 Gänge (un palillo zu 45.- Euro) oder 15 Gänge (dos palillos zu 60.- Euro) werden gereicht und nach und nach bezaubern die Happen mit verblüffenden Geschmackskompositionen, hervorragenden Zutaten und Abwechslungsreichtum für alle Sinne. Karamelisierte kantonesische Walnüsse mit sieben Gewürzen, famose Teigtaschen, ein köstlicher marinierter Salat mit Reis-Essig, eine in Sake

Alle Sinne sind gefordert

Alle Sinne sind gefordert

eingelegte japanische Seeteufelleber, Tempura Variationen. Und mein Favorit: Onsen Tamago, ein bei 63 Grad gegartes Ei. Vor kurzem durfte ich im Fischers Fritz ein vergleichbares pochiertes Ei genießen, das Palillos-Ei war besser.

Der Service ist sehr freundlich und entspannt. Zu so einem Menü gibt es einige Fragen zu stellen, alle wurden sie gerne beantwortet. Der lange Tresen ist beeindruckend und mit dem warmen Holz auch sehr schön. Aus einem Stück Baum gefertigt. Man blickt in die offene Küche und kann daher etliche Arbeitsabläufe gut beobachten und zuweilen mit den Köchen plaudern, wobei mehrere von ihnen aus Spanien kommen, wo sie das Konzept bereits in Barcelona umgesetzt haben.

Eine gut sortierte Weinkarte und eine ordentliche Weinberatung sorgten gleichfalls für Vergnügen. Ich liebe Riesling zu asiatischer Küche, daher hat mich eine feine Flasche von Dr.Loosen an der Mosel zu 25.- Euro sehr glücklich gemacht. Ein weißer Seleccion de Robles mit einer leichten Barrique Note, die gut zum Essen passte, kostete 44.-

Ein prima Abend, an dem alle Sinne auf ihre Kosten kamen, gepaart mit dem engagierten Team auf der anderen Seite des Holztresens, machten den Abend zu einem genialen Vergnügen. Unbedingt möchte ich noch die Tatsache erwähnen, dass das Restaurant über einen hervorragenden Barkeeper verfügt, der herrliche Drinks zaubern kann, auch wenn das Lokal keinen Bar-Charakter hervorhebt und Cocktails  nicht vordergründig anpreist.

Jetzt bleibt nur noch abzuwarten, in welchen Abständen das Dos Palillos die Menü-Folge der Karte wechselt, um nicht nur Hotelgästen, sondern auch den Berliner einen Anreiz zu geben, immer mal wieder zu einem überraschenden, köstlichen Mahl vorbei zu schauen.

Dos Palillos, Weinmeisterstr. 1, 10178 Berlin-Mitte

Update im Oktober 2015: Leider hat man sich von dem Konzept verabschiedet und serviert nun nur noch Tapas an diesem Ort.

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3 Kommentare zu “Dos Palillos: Nachtschwärmer im (Wan-Tan-Tapas) Diner

  1. richensa sagt:

    Tja, das gereichte Essen hört sich wirklich interessant und gut an, und in Mitte ist so ein Restaurant bestimmt bald gut angenommen.
    Der Versuch, in Friedrichshain etwas edelchinesisches aufzuziehen, dann auch noch im Dunstkreis des Simon-Dach-Kiezes, ist ja nun nicht von Erfolg gekrönt gewesen, dort, wo man busladungsweise abgefertigt wird und rund um die Uhr happy-hour-cocktails wünscht…

    • eichiberlin sagt:

      Sehe ich genauso, das „Lamian“ war der richtige Laden im falschen Kiez. Der Betreiber plant wohl ebenfalls ein neues Projekt in Mitte.

      Das Dos Palillos hat mir sehr viel Spaß gemacht. Großartige Küche in lockerer und doch designter Atmosphäre. Ich mag ganz dringend wieder hin.

  2. kormoranflug sagt:

    Deine Beschreibung macht mächtig appetidt. Hier muss ich bald mal einkehren, erst mal sparen.

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