Balthazar No. 2 – 12 Liter für die Wiege

Mitten in Mitte und doch ganz weit weg: Das Nikolaiviertel. Die Wiege Berlins, Erichs Disneyland. Touristengaudi mit Eisbein. Dabei gibt es dort viele Geschcihten und hübsche und versteckte Winkel. Dazu die Ausstellungen im Ephraim Palais und im viel zu wenig beachteten Knoblauchahus.  Die letzten Jahre konnten die Gewerbetreibenden dort einem wirklich Leid tun. Die ewig gesperrte Rathausbrücke, die Riesengrube für die U55, der Wegfall der Busparkplätze. Es war nicht leicht, überhaupt hinzukommen und das gilt eigentlich auch heute noch.

Berliner trifft man im Nikolaiviertel – gefühlt – verhältnismäßig selten. Vor allem Westberliner. Ein bewährter Küchenchef aus Westberlin schlug jüngst die Zelte für sein zweites Restaurant dort auf. Holger Zurbrüggen begeistert beständig das alte Westberlin im Balthazar am Kurfürstendamm nahe dem Adenauerplatz, benannt nach jenem gigantischen Flaschenformat, welches 12 Liter Fassungsvermögen aufweist. Nun hält das Balthazar 2 mit ähnlichem Küchenkonzept am Spreeufer Einzug, gleich gegenüber vom alten Marstall mit Musikschule und Landesbibliothek.

Balthazar2

Ich erinnere mich an Herrn Zurbrüggen noch aus dem Restaurant Louis im Steigenberger Hotel am Los Angeles Platz. Seine Kombinationen aus asiatischen und italienischen Küchenimpulsen sind mir noch in guter Erinnerung. Es gibt so ein paar Teller, Happen, Gläser, Gänge, die man nicht vergisst. Bei mir zählen eine sphärische Olive von Sonja Frühsammer dazu, oder ein Wacholder-Kartoffelpüree von Michael Hoffmann, damals im Margaux. Der aktuellste Neuzugan für gaumentechnische Langzeiterinnerungen liefert definitiv das Nobelhart & Schmutzig durch Desserts mit Zutaten wie Petersilie und Chicoree. Aus dem Louis erinnere ich mich an sensationelle Cannelloni von der Teriyaki Ente.

So kam ein kurioser Zufall daher. Das monatliche Menü, organisiert von der Berliner Morgenpost, fand als Austragungsort für den Januar just jenes neue Balthazar 2 und ein Bestandteil des Menüs lautet: Cannelloni von der Landente mit Kokos-Ingwer-Schaum und Topinambur. Das weckt Erinnerungen und so schien dies Menü eine gute und günstige Gelegenheit (69,90 Euro für fünf Gänge inkl. Weinbegleitung), den neuen Standort Nikolaiviertel zu testen.

Dieses spezielle Menüangebot wurde just bis zum 10. Februar verlängert und ich kann nur jedem raten, der einen neugierigen Besuch des Balthazar 2 erwägt, dieses Schnäppchen dazu zu nutzen. Das Menü ist tadellos. Mein Highlight war tatsächlich bereits der erste Gang, eine Art Fischsalat: Gezupfte Dorade mit Salat von Gelber Bete und Grünkohl. Die Kombination klingt kurios und ist doch sehr trefflich abgestimmt. Grünkohl re-loaded, dazu die Dorade, die durch ihre gezupfte Konsistenz viel Aroma aufnimmt.

Intensiv und herrlich jahreszeit-gemäß schmeckte die Essenz vom Winterapfel mit Staudensellerie und die Enten-Cannelloni boten tatsächlich jenen schönen internationalen Touch, der sich auch mal wohltuend abhebt, von dem derzeit trendigen Regional-Dogma. Der im Gewürzfond gegarte Wasserbüffel war eine interessante Erfahrung, was die weich-geschmeidige Konsistenz anbelangte. Und das abschließende Dessert mit Variationen von Schokolade und Quitte bot einen feinen und zugleich opulenten Abschluss.

Die Weinbegleitung war sehr gut abgestimmt, insbesondere der Medoc mit dem Wasserbüffel, und wurde eifrig von den freundlichen und engagierten Nachwuchskräften im Service auswendig aufgesagt.

Das Restaurant ist groß und glücklicherweise bieten Zwischenwände eine Abgrenzung der Räume, so dass sich dann doch eine intime Atmosphäre, auch bei relativ leerem Restaurant, entwickelt. Der Raum ist zurückhaltend eingerichtet. Holz- und Goldtöne, insbesondere durch die schmalen, hübschen Spiegel, setzen diskrete, wärmende Tupfer. In deutlicher Erinnerung bleibt höchstens die merkwürdige türkisfarbene Beleuchtung der Gewölberippen an der Decke. Die Terrasse zur Spree könnte im Sommer ein angenehmer Grund sein, das Balthazar 2 anzusteuern.

Für Westberliner, die die Küchenhandschrift von Holger Zurbrüggen zu schätzen wissen, bleibt sicherlich das Stammhaus am Ku´damm die attraktivere Adresse. Die Atmosphäre dort hat mehr für sich und das Servicepersonal verfügt über ausgeprägtere Gastgeberqualitäten. Und auch der Hausherr ist vorwiegend dort persönlich vor Ort anzutreffen.Auch die Preise sind ähnlich. Im Haus 2 liegen auf der regulären Karte die Vorspeisen bei 13 Euro, Hauptgerichte liegen so von 12 bis 25, wobei die Beilagen zusätzlich berechnet werden.

Ansonsten gilt: das Niklaiviertel ist im Aufschwung. Einige bewährte Adressen werden durch ansprechende Neueröffnungen ergänzt und wenn das Ende der Baustellen und die Inbetriebnahme des Humboldt-Forums geschieht, wird Attraktivität und Mix der Besucher sicher neuen Schwung erhalten. Einen ersten vielversprechenden Schwung bietet jedenfalls bereits jenes Balthazar am Spreeufer.

Balzhazar 2, Spreeufer 2, 10178 Berlin-Mitte. Küche von 12 bis 22 Uhr.

Link zum Morgenpost Menü

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