Altes West-Berlin im Eulenspiegel

Ein gelungener Abend hat mit wundervoller Gesellschaft, köstlichem Essen, prachtvollen Getränken, munterer Diskussion und auch dem Austragungsort derselben zu tun.

An jenem Abend im August war wunderbare Gesellschaft zur Hand, die munter debattierte und neugierige Erwartungen hegte, was sich hinter dem ominösen „Privatrestaurant“ wohl verbergen mag. In der Tat sperrt eine güldene Kordel den Eingang für all jene, die ohne Anmeldung neugierig durch die Türe linsen und verhindert so jegliche Nachwuchswerbung für das Lokal.

Die Küche versteht ihr Handwerk im Umgang mit  sorgfältig gewählten Zutaten. Vorab reichte man nette Salami, Schinken, Flammkuchen und Allerlei. Gefolgt von einem eher belanglosen Hummersalat. Die gefüllte Perlhuhnbrust, nach Backhendl-Art zubereitet, mit einem originellen warmen Zitronen-Kartoffelsalat, war saftig und sehr schmackhaft. Die Kartoffelvariante wurde mit „Bayerischer Art“ kommuniziert, was verwundert, ob der kargen Ausbeute bayuvarischer Zitronenplantagen.

Der abschließende Pfirsich-Melba verdeutlicht womöglich am ehesten den Stil des Hauses.
Wir befinden uns im alten West-Berlin vor dem Mauerfall. An den Wänden ein alter Fritz, gegenüber ein röhrender Hirsch. Gerade wurde die Lichterkette erfunden und Ragout Fin hat den Toast Hawaii als Standardgericht abgelöst. Nach dem Sechs-Tage-Rennen im Sportpalast kommen Herr Pfitzmann und Herr Übelkrähe auf einen Müller-Thurgau hereinspaziert. Man trägt rot-weiße Budapester, rote Lackgürtel und knöpft das Hemd zwei Knöpfe zu wenig zu und nennt alle Perl- und Schaumweine „Prosecco“.

Was für eine großartige museale Kulinarik, die fasziniert und gleichsam traurig macht, inmitten der Spitzendeckchen, verblasster Autogrammkarten und abgewetzter Teppiche. Tapfer wappnet sich die Schar der übrig Gebliebenen dem drohenden Verfall mit sehr guten Weinen, belehrenden Parolen und Altersweisheiten der Wirtsleute und konservierenden Spirituosen.

Der Eulen-Spiegel ist zugleich das Bildnis des Dorian Gray, welches dekadent altert und sinnlich verfällt. Schnell hin, lasst euch 100 D-Mark für den Abend im Eulenspiegel am Schalter auszahlen und überwindet die Kordel solange es noch geht. Schnell!!

Privatrestaurant Eulenspiegel

Uhlandstraße 60, 10719 Berlin-Wilmersdorf

Tel: 030-8623314

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Ein Kommentar zu “Altes West-Berlin im Eulenspiegel

  1. Afra Evenaar sagt:

    Grandiose Analyse: „Der Eulen-Spiegel ist zugleich das Bildnis des Dorian Gray, welches dekadent altert und sinnlich verfällt.“

    (Ich hätte gerne noch einmal im Leben diesen Zitronenkartoffelsalat.)

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