Plötzlich: Ein Schultheiss aus der Vergangenheit

Neulich konnte ich nachlesen, dass John F. Kennedy unmittelbar vor der Verkündung des Embargos gegen Kuba, sich angeblich von einem Mitarbeiter 1.200 kubanische Zigarren besorgen ließ. Das war sehr schlau und zeigt: Wissen ist Macht.

21 Zacken

21 Zacken

Ich hingegen verpasste stets die Einstellung der vielen Berliner Biermarken, die ich zwar trank, aber nicht horten konnte. Nur in meiner Erinnerung sitze ich noch vor einem wundervollen Patzenhofer, einem Bürgerbräu Bock und einer Schultheiss Berliner Weisse. Bereits diverse Male betrauerte ich (in Foren oder dem Buch „Berlin schenkt ein“) den Verlust der Weisse Tradition in Berlin und das womögliche bevorstehende Verschwinden dieser ursprünglichen Berliner Brautradition. Viele der Kleinbrauereien scheuen zudem die Verwendung der erforderlichen Milchsäurebakterien, deren Rückstände ja andere Bierstile leicht verderben können.

Kürzliche berichtete ich von einer Veranstaltung im BerlinBierShop in Moabit, bei dem Brewbaker und Stone Brewing ihre Biere präsentierten (Arrogantes Bier für Berlin), erwähnte dabei jedoch nicht den Ausklang der schönen Veranstaltung. Jeder Teilnehmer war aufgefordert, ein interessantes Bier beizusteuern, was dann im Anschluss an die Brauerprobe gesellig ausgeschenkt wurde. Unter den belgischen Lambic und Kriek Bieren, hochprozentigen Barley Wines und allerlei (mitunter anstrengenden) Kuriositäten, mutete mein mitgebrachtes englisches Bitter Ale vermutlich eher durchschnittlich an. Mein persönliches Highlight an jenem Abend war dann ein Bier, dessen Existenz ich kaum mehr glauben konnte.

Auf einmal standen da einige Flaschen Schultheiss original Berliner Weisse herum. Das MHD war 2005

Mehr davon !!

Mehr davon !!

erloschen, aber die Weisse ist ja bekanntlich extrem haltbar (was mir einige der anderen Biergesellen glücklicherweise nicht glaubten).

Was für ein Genuss! Kein Vergleich zu dem einzigen noch verbliebenen Gebräu in Berlin, der Kindl Weisse. Letztere ist pur dermassen sauer, dass man sie in doofem Sirup förmlich ertränken muss, um ein halbwegs akzeptables Getränk zu erzielen. Die Schultheiss Weisse kann pur genossen werden, wie es sich gehört(e). Ein spannendes Getränk mit milden und erfrischenden Noten, mit Kräutrigkeit und Zitrusfrische.

Der Gast, der diese Flaschen mitbrachte, war zu diesem späten Zeitpunkt leider bereits entfleucht und so kann ich nur auf diesem Wege von Herzen „DANKE!“ sagen. Danke, für dieses sensorische Erlebnis, das zeigte, was für ein formidables Getränk eine Berliner Weisse darstellt(e) und das bitte, bitte nicht in der derzeitigen Vergessenheit und belanglosen Verpanschtheit verharren darf.

 

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Arrogantes Bier für Berlin

Biertechnisch geschieht gerade so manches, was Lust auf mehr macht. Besonders die Moabiter dürfen sich gewaltig freuen über die Entwicklungen der letzten Monate. Einerseits zog der Brewbaker in die Arminius-Markthalle und braut dort köstliche Spezialitäten, weiterhin steht bei Getränke Töpper (Bugenhagen- Ecke Bredowstraße) einen Steinwurf von der Halle entfernt, eine anständige Auswahl an Bierspezialitäten aus Belgien, England und Deutschland parat.

Vor allem aber in der Kirchstraße hat Bier ein neues Zuhause bei Rainer Wallisser gefunden. Hier wird der Betreiber von „Wein Kultur“ seinem Geschäftsnamen allmählich untreu, indem er mit dem Berlin Bier Shop dort eine wachsende Auswahl rarer Bierspezialitäten anbietet. Besonders die Freunde von aromatisch und bitter gehopften Bieren kommen dort voll auf ihre Kosten. Neben bewährten Klassikern, beispielsweise aus dem Hause Fuller´s, gibt es die eher seltenen Produkte von Brew Dog, Fritzale, Anchor Steam und allerhand aus Belgien. So manche Spezialität führt den Bier-Gaumen zu hopfentechnischen Grenzerfahrungen, wie beispielsweise das dänische „First Frontier IPA“.

Vertreibt Bier Dämonen?

Vertreibt Bier Dämonen?

Ein Brauunternehmen, das ebenfalls die hopfenintensive Philosophie des Bieres pflegt und forciert, war im Juli zu Gast bei Rainer Wallisser: Stone Brewing Co. aus Escondido, California.

Der Abend begann mit einer Verkostung der Brewbaker Biere. Braumeister Michael Schwab kam persönlich vorbei, um zu der international besetzten Verkostungsrunde zu stoßen und brachte einige seiner aktuellen Biere, wie auch einige Prototypen der Zukunft zum probieren mit (ich freue mich bereits auf einen Gerstensaft, der unter dem Arbeitstitel „Olivia“ auftrat und ganz vorzüglich schmeckte).

Den zweiten Teil des Abends bestritt Weiterlesen

Völlig unerwartet: Biergartenwetter im Mai

Die Überschrift mag ungläubiges Staunen hervorrufen, dennoch ist es wahr: am Mittwoch dem 5. Mai 2010 gab es tatsächlich Sonnenschein und eine damit verbundene Illusion von Wärme.

Das schönste Kindl seit langem...

Das schönste Kindl seit langem...

Daher auf in einen der schönsten Biergärten der Stadt. Mitten in Moabit versteckt er sich im Schatten einer meiner Lieblingskirchen,  St. Johannis, einer der Schinkelschen Vorstadtkirchen, die 1835 eröffnet wurde, um das Seelenheil des Proletariats zu gewährleisten. Später hat Stüler den Bau im italienischen Stil mit Campanile und Säulengang erweitert und wundervoll ausgeschmückt. Zumindest außen ist die ursprüngliche Schönheit noch erkennbar, innen fand nach immensen Kriegszerstörungen eine

Eingang zum Sommergarten über den Vorhof der Kirche

Eingang zum Sommergarten über den Vorhof der Kirche

sehr schlichte, wenngleich sehenswerte Rekonstruktion statt.

Mit zum Seelenheil trägt heute der St. Johannis Sommergarten bei. Ein hübsches Idyll im Grünen, von der Kirchenmauer vom Autoverkehr abgeschirmt, mit einem kundigen Mann am Grill und schön gezapftem Weiterlesen

Paris Moskau (Tiergarten)

Achtung, Hilfe, Feuerwehr! Die 112 hat gerufen. Nein, nicht die schon wieder. Wo brennt´s? Was mögen sie jetzt wieder wollen?

Auf meiner Rechnung vom Besuch im Restaurant Paris-Moskau steht: TischDSC03296 112. Ich könnte es nun dem Betreiber nicht vorwerfen, wenn dies eine Codierung wäre für: Obacht! Mega-anstrengende Gäste.

Nein, liebes Service-Personal, wir haben es euch nicht leicht gemacht an jenem Dienstag Mittag, Ende August. Ein verdammt heißer Tag, an dem eigentlich niemand gerne den kühlenden Schatten verlassen mag. Und dann kommen diese Gäste auf die Terrasse spaziert. Kommen kurz vor Ende der Mittagsverpflegungszeit, wollen jeden Wein kritisch verkosten, sind gegen jede Wespe phobisch, wollen spontan noch einen Zwischengang, mögen keinerlei Zitrone im Dessert…und….und…..und.

DSC03286Hungrig und übellaunig kamen wir daher. Es war mein Geburtstag. Ursprünglich wollten wir (gegen den Willen meiner kulinarischen Kumpanin) einkehren im milden Westen der Stadt, nahe dem Hubertussee, wo sich die teuren Tennisclubs anspruchsvoll bekochen lassen.

Dort hing zwar Ruinart-Reklame, die Tische der Terrasse waren aber seit geraumer Zeit nicht mehr von einem Abräumer aufgesucht worden.  Klebrig und schmutzig, statt einladend und appetitlich. Bloß weg!

Wohin? Na denn, hat nicht das Paris-Moskau auch eine nette Terrasse zum vergnüglichen draußen sitzen? Paris-Moskau. Geht das etwas genauer? Ja! An der Straße Alt-Moabit. Zwischen Knast und Kanzleramt.

So kam´s. Bestellung: Wasser!! Und: Das 4-Gang-Überraschungsmenü zu 36.- Euro. Was jetzt folgte war überraschend, genial, glücklich machend. Weiterlesen

Lanninger Bar und Smoker’s Lounge (Moabit)

Lanninger nennt es Bar, also ist dies ein Bar-Test. Es wird auch Essen serviert, sah auch lecker aus, wurde jedoch nicht verkostet. Wir wollten ja Cocktails trinken. Die Erwartungen waren groß! Wenn ein Barkeeper des Jahres seinen Namen gibt und dann in einem Hotel in der doch eher szenvernachlässigten Lage Moabit eröffnet, so klingt das sehr ehrgeizig und ambitioniert.

Sollen womöglich nicht nur Hotelgäste sondern auch Cocktail-Kenner und Barflies zum Wiederkehren verlockt werden?

Leider nein. Es ist am Ende doch nur eine gehobene Hotelbar, aber kein Cocktailparadies. Schickes und modernes Design, direkt an der Spree gelegen mit einer umfangreichen Spirituosenauswahl. Als Whiskyliebhaber wird man von Herrn Lanninger bestens beraten, der mit strahlendem Lächeln allgegenwärtig scheint. Sein Personal ist schnell und verbal professionell. Zügig soll bestellt werden. Aber dann am Gerät: auch einen Cosmopolitan sollte man mehr als drei Mal shaken, gleiches galt für den Hurricane.

Die Drinks waren nicht kalt – das ist ein no-go! Aber: nicht so warm, dass man sich beschweren könnte.

Die Gäste waren fast ausschliesslich Hotelgäste mit business-Aura: „seht her, wie locker wir nach dem meeting noch sein können.“
Für Raucher gibt es die Raucher lounge, also Ledersessel im Hinterzimmer hinter Glas.
Will man Berliner als Gäste? Anscheinend reicht das Hotelpublikum.
Schade.

Alt-Moabit 99, Im Hotel Abion, 10559 Berlin-Moabit
www.lanninger-berlin.de