Reinstoff (Mitte)

Diese Neueröffnung hat mich doch tatsächlich komplett vom Hocker gerissen.

Frische regionale Zutaten werden mit modernen Küchentechniken kreativ, ungewöhnlich, hochinspiriert und bildhübsch auf den Teller des Gastes gebracht. Flankiert von klasse Bestecken.

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Bis hierhin habe ich den Begriff „Molekular“ vermieden.

Warum eigentlich? Nur weil angegraute und angestaubte Topfexperten der 1970er Jahre abwehrend die träge gewordenen Hände und Köpfe schütteln? Meilenweit hinkt Deutschland den internationalen Küchenentwicklungen hinterher, die neugierig, spielerisch und phantasievoll mit den Verfahren hantieren, welche Ferran Adria zum besten Koch der Welt gemacht haben.

Im Reinstoff besitzt die junge Truppe den nötigen Mut.

Durchhaltevermögen hat man bereits bewiesen, indem man als Sieger aus dem Businessplan- wettbewerb hervorgegangen ist. (Aber nichtmal das wird bei Finanzierungsgesprächen mit Banken ein Trumpf gewesen sein, wenn mich meine Erfahrung als Selbstständiger nicht trügt.)

Das Konzept der Speisekarte ist zweischneidig. „ganz nah“ oder „weiter draußen“ ist die primäre Entscheidung, die der Kunde zu treffen hat, je nach experimenteller Neugierde. Weiterlesen

Mamay (Prenzlauer Berg)

„Essen ist Frieden“ ist eines der Zitate, von denen sich mehrere an den ansonsten schlichten Wänden lesen lassen.

Das Innendesign mit seiner peppigen Schlichtheit ist das bemerkenswerteste im Mamay. Rote Elemente vor hellgrau-weißem Hintergrund mit wenigen pflanzlichen Dekorationsmomenten wirken wohlüberlegt und zurückhaltend schick. An der Decke hängen spielerisch Glaskugeln in Pustefix-Optik.

dsc02146Der Service ist auf hilflose Weise niedlich. Leider kann man uns gerade keine Karte geben, da die Horden der internationalen Touristen sie derzeit okkupieren. Wenn die Schweden durch sind werden erst die Kanadier bestellen und mit etwas Glück reichen die Spanier die Karten dann rasch an die Dänen weiter. Glückwunsch, der Laden brummt!

Eine winzige Tresenmamsell ist bemüht, uns zumindest die Getränkeauswahl vorzutragen. Leider dringt Weiterlesen

Es gibt auch Wein in Berlin!

Anders als auf Hawaii, gibt es Bier zuhauf in Berlin. Bei Wein ist noch Aufklärungsbedarf. Eine hübsche Programm-Idee aus dem Theater im Palais am Festungsgraben, gleich hinter der neuen Wache.

Auf charmante, pointierte und musikalisch-gewitzte Weise führt das dreiköpfige Ensemble durch 800 Jahre Weinanbau und -konsum in Berlin. Liedgesang und kluge Zitate zum Thema erhellen die Besucher. Mal mit Wilhelm Busch: „Rotwein ist für alte Knaben, eine von den besten Gaben.“ dsc02143Oder Weinfreund Goethe wird öfters zu Rate gezogen. Von ihm stammt beispielsweise die kecke Bemerkung: „Ohne Wein und ohne Weiber, hol der Teufel uns´re Leiber.“ (Für die Dame am Klavier muss allerdings Bier bereitstehen, um die Arbeitsmotivation zu fördern.)

Amüsant, nachdenklich, witzig – kurzum facettenreich unterhält der Vortrag das Publikum in dem kleinen Kammertheater mit seinen 99 Plätzen. Natürlich darf auch die Praxis nicht fehlen, daher hat ein Winzer aus der Region einige Tropfen abgeladen, die getrunken werden sollen. Sechs Weine vom „Werderaner Wachtelberg“ können vor dem Stück und in der Pause verkostet werden. Ein Rosé aus der dsc02142Regent Traube ist dabei der schmackhafteste. Die angebotenen Roten sind ebenfalls recht nett, die Weißweine fallen unter die Variante der höflichen Verkostungsnotiz „interessant“. Sei´s drum. Der Abend macht Spaß. Für 28.- Euronen erhält man das Showprogramm, den Wein, unspektakulären Käse und extrem leckeres Brezelgebäck.

Die nächste Gelegenheit,  die Aufführung zu besuchen: Mittwoch 22.04.2009. Beginn um 20 Uhr.

http://www.theater-im-palais.de/

Shiro I Shiro (Mitte)

Die längste Tafel Berlins. Bis zu 56 Gäste können an der langen Tafel im „Weißen Schloß“ Platz nehmen und ungewöhnliche Kreationen mit asiatischem Einfluss probieren.

Leider nicht mehr lange. Wer den aufregenden Raum in klarem Weiß, mit Preußisch Blau gemischt, noch erleben möchte, hat nur noch bis Ende Mai 2009 dazu Gelegenheit.
Dann schließt das Schloss seine Pforten.

Schade. Doofe Wirtschaftskrise. Wieder ein optisch-kulinarisches Highlight weniger in Berlin.

Rosa-Luxemburg-Straße 11, 10178 Berlin-Mitte
http://www.shiroishiro.com

Dom Curry (Mitte)

Großartig, endlich erobert die Currywurst auch die touristisch relevanten Örtlichkeiten ohne große Unterschriftenaktionen, wie seinerzeit an der Brandenburger-Tor-Curry-Bude. Super, Hurrah!

Vor dem Deutschen Dom mit Blick über den wundervollen Gendarmenmarkt geht es hier neuerdings um die(!) Wurst.
Frohlocket, ihr Touristen, denn endlich werdet ihr urban angemessen für…..ganz doll hungrig…verkauft!

dsc021521Eigentlich sind es unglaubliche Schnäppchen, man zahlt halt den Slogan mit.

Ergo: „Style your own Curry!“ Bratwurst + Sauce + Semmel=3,50 Euro. Hoppla Freunde, stutzig geworden? Semmel? Hallo? Wenn hier nicht sofortstantepede „Schrippe“ feilgeboten wird, gibt es Ärger mit allen Berlinern. Ist für dieses Delikt auch das Ordnungsamt zuständig?

Alternativ gilt ein weiteres Sonderangebot für schlappe (hüstel) 6,50 Euro: „Wurst meets Pommes“ frohlockt man lyrisch.

Oase (Mitte)

Da eine Oase als „Vegetationsfleck in der Wüste“ (Wikipedia) bezeichnet wird, ist es ein klein wenig irritierend, dass man über den Tresen ein Surfbrett montiert hat.

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Aber um Wasser soll es ja auch nicht gehen, in dieser behelfsmässigen Schankstätte für Mischgetränke. Wasser von oben trieb mich hinein in den Stadtbahnbogen an der Humboldt-Universität. Die Schrift auf der Markise „Newcastle Ale“ ließ mich das benachbarte, bewährte „Chagall“ links liegen lassen und Obdach in der Oase erflehen.

(Das Newcastle gab es wider Erwarten dann lediglich aus der Flasche statt vom Hahn, weswegen ich den Märkischen Landmann zu 3,20 im halben Liter vorzog.)

Nun beginnt eine verwegene, gleichsam großartige Zeitreise in die späten 1980er Jahre, als man Sol und Corona bestellte und Drinks wie Swimming Pool und Pina Colada toll fand. So ist die Atmosphäre im Inneren – es gibt auch einen netten Aussensitzbereich, aber es regnete ja – mit grässlichen Bodenkacheln, Bambushüttenoptik und Palmenbestückung.

Nun denke man sich bitte das Geräusch, wenn man die Seiten einer klebrigen, laminierten Getränkekarte voneinander löst….. Weiterlesen

Narkose Stübchen (Schöneberg)

Schankstelle für fortgeschrittene Schluckspechte im Schatten des Schöneberger Rathauses.

Auch Willy Brandt soll seinerzeit ab und an hereingeschaut haben. Brave Sängerknaben bestellen sich besser gegenüber bei Dolce Pizza eine Bionade und halten sich fern von den Abgründen dieser gestandenen Institution des Hochprozentigen.

Narkose StübchenZuständig für die im Namen versprochene Anästhesie ist Wirt Dieter. Sorgfältig zapft er das Berliner Kindl, empfiehlt aber gerne und überzeugend den einen und anderen und x-ten Probierschluck aus seinem umfangreichen Spirituosensortiment.

Die Stammgäste machen sich auf den Hockern am Tresenbereich breit (im wahrsten Sinne) und blockieren (vermutlich absichtlich) den Weg durch den schmalen Schankraum in den winzigen hinteren Sitzbereich. Neuankömmlinge werden mit prüfenden, glasigen Blicken taxiert. Nein, das ist kein Widerspruch.

Im Sommer steigt die Stimmung und ein wesentlicher Anteil des Schanktreibens verlagert sich auf den Gehweg vor dem Lokal. Die Fensterluke zur Straße wird geöffnet. An der Durchreiche ist ein schmales Brett montiert. Breit genug, um darauf die gewünschten Schnapsstumpen zu plazieren.

Vermutlich unnötig, dies zu erwähnen, aber: Das Narkosestübchen ist ein Raucherlokal.

Belziger Straße 73, 10823 Berlin

Charlie Trotter´s (Chicago)

Na toll, im feinen Restaurant durfte ich nicht Platz nehmen, man schickte mich in die Küche, außerhalb des Blickfeldes der anderen Gäste. Kleiderordnung? Fragwürdige Hauspolitik? Mitnichten. Ich hatte den besten Platz.

Nach dem Eintreten wurde der Name im Reservierungsbuch geprüft und mit einem Grinsen wurden wir begrüsst: „Ah, die Gäste aus Berlin? Sie hatten sich für den Küchentisch interessiert. Nun, wir haben da eine gute Nachricht….“

pa150199Neben dem gediegenen Ambiente des Restaurants, (oberschenkeldicke Verschwiegenheitsteppiche, die jedes Geräusch schlucken, dezente Beleuchtung. Die amerikanische Variante von ernsthaft-gediegen mit einer kleinen Prise Design. Es riecht teuer) gibt es einen einzigen Tisch mit erhöhtem Spaß- und Genußfaktor – eben in der Küche. Der „Kitchen Table“ (langfristige Reservierung ratsam), der normalerweise nicht für nur zwei Gäste freigegeben wird, also Glück gehabt. Man sitzt mitten im Geschehen, betrachtet die Abläufe, das Abschmecken und die Hektik, bis die einzelnen Teller (jeder wird genau geprüft) die Küchenräume verlassen. Hier wird gelacht, geschimpft, gegessen.

pa150193Seit 1987 gibt es diesen kulinarischen Tempel in Uptown Chicago. In der Zwischenzeit ist Mr. Trotter ein gefeierter Fernsehstar, verkauft zahlreiche Kochbücher und wird mit Lob und Auszeichnungen überschüttet. Bei meinem Besuch war er nicht im Hause, sondern bestimmt obermegawichtig unterwegs, Präsidenten bekochen, oder so. Dem Vergnügen tat seine Abwesenheit keinen Abbruch.

pa150198Der Kitchen Table bekommt so ziemlich jeden Gang zu verkosten, der die Küche verlässt. Das waren dann so ca. 16 Gänge plus Weiterlesen

Go Asia, vorher: Amazing Oriental Asien Supermarkt (Charlottenburg)

Feinkost Albrecht hat hier die Segel gestrichen und nach der Renovierung des Gebäudes ist der „Amazing Oriental Asien Supermarkt“ in den ehemaligen Aldimarkt eingezogen.

Immens irrtumte ich zu denken, dass in den üppigen Räumlichkeiten zur dsc01965aAbwechslung einmal ein großzügig arrangierter Waren -präsentationsbereich eingerichtet würde. Nein, anscheinend gibt es eine geheime Verpflichtungserklärung, welche von jedem Asiamarkt fordert, egal wie groß er sein mag, die Gänge mit ausreichender Enge zu versehen, um die Bewegungsabläufe der Kunden zu behindern. Oder nenne ich es doch lieber „Entschleunigung“?!

Riesige Einkaufsvehikel in zwei Größen erfreuen die Fraktion der Tetris-Spieler, denn ebensolches Geschick ist vonnöten, um sich voran zu bewegen. Weiterlesen

Blind Tiger (New York)

28 Biere vom Fass. Ist das nix? Kleinlaut muss ich gestehen, nicht alle probiert zu haben. Dazu kommen immerhin noch über 50 Flaschenbiere und Spezialitäten/Raritäten, wie blutiges Bier – eine Bloody Mary Variante mit….Bier, eben. Starkes Ale in einem Pint-Glas!

pa160253Es gab eine Zeit in den Staaten, in der der Alkoholkonsum erschwert wurde, noch vor der Prohibition. Sonntags durfte kein Alkohol ausgeschenkt werden, denn die Menschen sollten in die Kirche. Ausnahmen wurden nur für kulturelle und Bildungsveranstaltungen genehmigt.
Schlaue Wirte kulturveranstalteten daraufhin die Ausstellung vom „Blinden Tiger“, der für den Konsum von drei Drinks zu besichtigen sei. Diesen Code nutzt das Bierlokal als Namen.

Gemütlich hockt man auf Schemeln am Tresen oder am Fenster und ist pa160258beeindruckt von der Batterie von Zapfhebeln, die den langen Tresen entlanglaufen. Ein Anblick, der durstig macht.

Für die hungrigen gibt es Käseplatten von Murray´s, der ein paar Schritte die Bleecker Street hinunter seinen legendären Käseladen betreibt.

Einmal in der Woche gibt es, auch heute noch, kulturelle Veranstaltungen rund um´s Bier. Auch Sonntags, Amen!

Bleecker Street 281, 10014 New York

blindtigeralehouse.com/