Endlich mehr Bierbegleitung

Bier-Fachtrinker und Hopfen-Connaisseurs kommen derzeit immer besser auf ihre Kosten. Alleine in Berlin gehen in diesen Tagen ungefähr fünf neue Brauprojekte an den Start, IPA ist für Biertrinker längst kein Fremdwort mehr und mehr Fachgeschäfte, Hausbrauereien und Wirte nehmen sich den köstlichen Gerstensäften an und mit der Braukunst Live in München zeigt auch schon eine hervorragende und bemerkenswert gewachsene Messe, wohin die Reise genussvoll gehen kann. Eine fachkundige Szene freut sich über die zunehmenden Angebote und eine wachsende Vielfalt. Dazu umschwirrt eine wachsende Zahl an Diplom-Biersommeliers die Zapfhähne und die neue Genaration von speziell entwickelten Biergläsern. (Meinen Hauch von Skepsis gegenüber diesem Phänomen brachte ich bereits in einem Artikel für Mixology zum Ausdruck.)

In meinen Augen sind Gastwirte, besonders auch in Restaurants mit interessantem Speisenangebot gefordert, nicht den traditionellen Biertrinkern, sondern den interessierten Genussmenschen hierzulande die Bier-Vielfalt und die bezaubernden speisentechnischen Kombinationsmöglichkeiten zu eröffnen. Wie gut, dass die als Weinbar getarnte Bierbar Rutz als ein Pionier in Berlin diesem Gedanken folgt und Meisterkoch Marco Müller bereits zum fünften Mal ein Menü kreierte, bei dem die Faszination des Zusammenspiels zwischen Speise und Bier begeistert, so wie es Freunde des Rebensaftes in Form einer Weinbegleitung bereits allgegenwärtig kennen.

Krasser Ostseelachs & Heidenpeters Pale Ale

Krasser Ostseelachs & Heidenpeters Pale Ale

Über 10 Tage im Mai offerierte die Weinbar Rutz ein 5-Gang-Menü zu 65 Euro und bot die entsprechende Bierbegleitung mit sechs Bieren zu 39 Euro an. Nach einem wiederentdeckten Aperitif-Klassiker, dem Picon Bière aus Amer Picon in einem Pils der Eichhofener Schlossbrauerei kam zunächst ein sehr schmackhafter Maibock der Privatbrauerei am Rollberg ins Glas und dazu servierte das engagierte und freundliche Team augenzwinkernd ein Gedeck, was in Sternerestaurants eher selten auf den Tisch kommt. In einer Burgerumverpackung aus der Schnelless-Kulinarik kam Weiterlesen

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Gleich schlägt´s 13 – Rebellisches Rutz

Zwischen rebellischem Aufbruch und bewährter Rebellion – 12 Jahre Weinbar Rutz.

In der kulinarischen Entwicklung Berlins bedeuten 12 Jahre durchaus eine bemerkenswerte Epoche. Insbesondere dann, wenn ein Restaurant Anfang der 2000er eröffnet und dabei noch die kulinarisch grauenvollen 90er der Spreemetropole vor Augen haben musste, in denen der Abzug der Alliierten, insbesondere der Franzosen, eine der wenigen Gruppierungen aus der Stadt trieb, die bereitwillig gutes Geld für gute Küche gaben.

Rutz ServietteDavor hatten manche Dörfer im Schwarzwald mehr Michelin Sterne, als die Hauptstadt, deren Tourismus-Werber damals zwar mit Currywurst prahlten, nicht aber mit elaborierter Küche auf internationalem Niveau. Schwer getan hatten sich die frühen Pioniere/Missionare, die den heidnischen Slawenstämmen an der Spree den Gourmetaspekt jenseits von Kasseler und Eisbein nahe bringen wollten. Kühn kommen da schon die Gerichte von Jan Peter Drexhage im Hotel Ambassador daher, der Zander an Vanille-Vermouth-Sauce kredenzte. Henry Lévy im Restaurant Maître erhält einen ersten zweiten Stern für Berlin, aber die eingesessenen Kritiker sind überfordert mit seinen Kreationen (das Publikum zuweilen auch mit seinen Preisen). Bei Restaurants wie „Harlekin“ und „Ritz“ endet dann auch schon bald sie Auflistung der hiesigen Gourmettempel. Allerdings bringt mit Siegfried Rockendorf ein weiterer Koch internationales Niveau nach Berlin. Über die 90er Jahre meinte Rockendorf selbst einmal: „1993 bis 1998 waren Jahre des Niedergangs“.

Aber engagierte Visionäre wie Karl Wannemacher im Alt-Luxemburg, der jüngst völlig zu recht die Auszeichnung zum „Förderer der Genusskultur“ von der Jury des eat!Berlin Festivals verliehen bekam, oder Peter Frühsammer, seinerzeit jüngster Sternekoch, trugen die Fackel weiter und bahnten den Weg zum Millennium, jener Jahrtausendwende, um die herum dann doch ein wenig mehr Geschmack zwischen Alex und Weiterlesen

Möchtegern-Mythos-Macher? Waldorf Astoria in Berlin

Aura Berlin. Berühmte Berliner Luft. Großstadtlegenden und Goldene 20er. Damals der Slogan: „Du bist verrückt mein Kind, Du musst nach Berlin!“ Klang doch irgendwie netter, als „Be Berlin“, (was wohl sowieso von „Be Birmingham geklaut war“. Da ist sogar „I Amsterdam“ cooler).

Berlin ist arm dran. In mehrfacher Hinsicht. 80% der Stadt wurde im zweiten Weltkrieg zerstört und der Wiederaufbau suchte Neues und nicht die Behutsamkeit des Bewahrens. Heute ist die Aura der Vergangenheit oft sehr willkommen, sie wird nur zuweilen eher mittelmäßig umgesetzt.

So strömen Besucher in den Friedrichstadtpalast, mit seiner eleganten Plattenbauweise à la aserbaidschanischer Rokoko. Das Adlon durfte vor geraumer Zeit gleichzeitig 10- und 100-jähriges feiern (erinnert sich noch jemand an den unterhaltsamen Prozess, als ein Kneipenwirt am Adenauerplatz, die Gerichtsverfahren um die Namensrechte gegen die mächtige Hotelkette gewann?). Das Kempinski am Kurfürstendamm hat lange gebraucht, eine Gedenktafel für die enteigneten jüdischen Gründer anzubringen. Das Lutter & Wegener am Gendarmenmarkt macht es noch recht schlau, die Aura von E.T.A. Hoffmann und Ludwig Devrient zu kultivieren, obwohl der Ort nicht der originale ist. Ein Aschinger ist wieder aufgetaucht. Gleich am S-Bahnhof Tiergarten hat sich derjenige, der sich die Namensrechte angeeignet hat, niedergelassen, um bemitleidenswerte Spaziergänger leidlich abzuspeisen und mit grellem blauen Licht zu terrorisieren.Immerhin bleibt uns somit das erbärmliche Hooters-Konzept erspart. (Heinz Horrmanns wundervolle Berichterstattung verführt mich jedoch heute noch zu lautem Gelächter!)

Wo sind originale Orte? Für den Admirals-Palast hätte die Stadt seinerzeit beinahe Abrissgenehmigung erteilt, nachdem Rene Kollo mit seinem Operettenkonzept versagte. Der Denkmalschutz kämpft stets gegen Windmühlen und leere Kassen. Am Kurfürstendamm hat 2011 Mövenpick seinen Standort aufgegeben (man möchte sich auf Raststättengastronomie konzentrieren) und übergab die wundervollen, historisch original erhaltenen Räume von „Mampes gute Stube des Westens“ an McDonalds. Immerhin haben die Fleischklops-Brater völlig unverhofft den alten Charme der Räume rudimentär beibehalten. (Ich berichtete damals auf der Explorise-Plattform unter dem Titel: McDenkmalschutz oder McAbrissbirne) , auch wenn nun verwirrte Teenager, vor Cheeseburger-Einwickelpapier, auf kaiserzeitliche Stukkaturen starren.

In diesem Umfeld geht nun 2012 also ein Waldorf Astoria an den Start. Zwischen Gedächtniskirche und Beate Uhse, bei Burger King und A&O Hostel. (In diesem Zusammenhang sei noch der benachbarte Dunkin´ Donuts boykottiert, der die legendäre Fussballkneipe „Hanne am Zoo“ verdrängt hat). Nun werden also Paris und Nicky Hilton die neuen Kinder vom Bahnhof Zoo. Die Exklusiv-Marke von Hilton errichtet das neue, höchste Gebäude in der City-West. Ein wenig Aufmerksamkeit wird der Gegend um den Bahnhof Zoo gut tun, gilt doch die Aufmerksamkeit derzeit, eher dem früheren Ostteil der Stadt.

Bei einer Baustellenbegehung für Journalisten gab es Ernüchterndes zu hören. So werden die obersten Etagen den teuersten VIP-Gästen vorbehalten sein. Die Hoffnung auf eine Sky-Bar löst sich in Wohlgefallen auf. Kulinarische Gäste bleiben im unteren Bereich. Schade. Wobei natürlich der bewährte Satz „Wir wollen auch Weiterlesen

Glück ist wieder einmal Facil

Unter den Spitzenrestaurants der Hauptstadt bleibt (neben Tim Raue) das Facil mein absoluter Favorit.

Diese Woche trat dieses Restaurant wieder einmal den Beweis dazu an, was auch nötig war, denn kürzlich wurde ich allen Ernstes abgewiesen. Unglück.

Meine Tätigkeit als Reiseleiter zwingt mich unfreiwillig dazu, mit Reisegruppen Lokalitäten aufzusuchen, die der Reiseveranstalter gebucht hat. Oft handelt es sich dabei um Orte der Abspeisung, nicht des Genusses. Manchmal nutze ich auf arrogante und snobistische Art und Weise die Mittagspause, um mich erlaubt/unerlaubt von der (Reise-)Truppe zu entfernen, um anderenorts eine vernünftige Mahlzeit einzunehmen, was zuweilen durchaus eine gut belegte Stulle bedeuten kann. Neulich jedenfalls parkte ich meine Busladung in einem der mittelmäßig inspirierten Speiselokale unter dem Dach der Sony Kuppel am Potsdamer Platz, um mich flugs ins Daimler-Areal in mein Lieblingslokal Facil zu flüchten. Ernüchternd und frustrierend musste ich zur Kenntnis nehmen, dass selbiger Ort der kulinarischen Erfüllung ausgebucht war und kein Platz mehr für den Eichi frei blieb.

Unwirsch trabte ich von hinnen, um mich unauffällig wieder der Gruppe anzuschliessen und doch noch fade Putenbrust mit Wokgemüse zu konsumieren. Grimmig schwor ich, wiederzukommen und eine weitere Abweisung nicht gelten zu lassen.

Reservieren hilft. Ich erhielt den begehrten Einlass. Und zudem wieder ein famoses Mahl, an dem ich noch heute genussvoll erinnernd  nachschmecke. Hoffentlich bekommt Michael Kempf in diesem Jahr nicht den zweiten Michelin-Stern. In meinem Herzen (vielmehr an meinem Gaumen und in meinem Magen) hat er ihn bereits seit Längerem, nur, dann wird es noch schwieriger, einen Tisch zu ergattern.

Jedenfalls durfte ich in der vergangenen Woche wieder einkehren und stöhne noch jetzt lustvoll, zurückerinnernd an die Ver- und Umsorgung in den wundervollen, leicht-eleganten Räumlichkeiten in der fünften Etage des Mandala-Hotels. Jetzt aber zur Sache:

1. Eine Vorspeise von Spitzkohl, Kümmel und Sieglinde. Regional, saisonal, köstlich!

2. Letchorisotto mit Kalbshaxe, Fenchel und Calamaretti. Genial. Ein perfektes süsse-säure Spiel über den Paprika im Risotto. Eine aromatische Schwere der Haxe duelliert sich mit der Salzigkeit der Calamar, die auf den Punkt gegart sind. Ein Reiscrisp mit trockener Tintenfischaromatik rundet das ganze ab und bereichert das insgesamt verblüffend-köstliche Mundgefühl.

Weiter ging es mit Bauer Beutes Wollschweinbauch mit Weiterlesen

Es bleibt, wie es ist: Immer neu! Tim Raue Restaurant

Was hat sich rings um den Checkpoint Charlie nicht alles verändert, in den vergangenen Jahren. Schauspielschüler in alliierten Uniformen posieren für Touristen vor einem extrem verniedlichenden Grenzhäuschen-Nachbau,

Moderne Eleganz uns Leichtigkeit

Moderne Eleganz uns Leichtigkeit

das Deutsche Currywurstmuseum verwirrt seine Besucher mit kecken Eintrittspreisen. McDonalds lockt die Pubertierenden, die aus dem Mauermuseum gegenüber auf die Straße stürmen und das gute alte Café Adler wurde Opfer der Latte-Macchiatisierung der Hauptstadt.

Aus der Kochstraße wurde zuletzt die Rudi-Dutschke-Straße, was noch immer Scharen ergrauter 68er zum fröhlich-kicherigen Kopfwackeln verleitet. Mit dem Zuzug des Tim Raue Restaurant wird diese Straße nun auf subtile Weise doch wieder zur Kochstraße, auf äußerst schmackhafte Art.

Japanische Pizza

Japanische Pizza

Die unglaublich kreative und überraschende Küche, die Tim Raue aus dem Adlon heraus an den neuen Standort verlagert hat, ist aus dem Ma und dem Uma bekannt. Asiatisch inspiriert, Beilagenminimalismus, höchste Produktqualitäten.

Der Neubeginn in Kreuzberg ist nur Weiterlesen

Ei(n) Erlebnis: Facil

Eigentlich müsste ich, der nie joggt (wegen Martini verschütten, ihr wisst schon…) diesem Küchenchef misstrauen. Er läuft Marathon. Ich will es nicht gegen ihn verwenden, im Gegenteil. Er bleibt mitunter dadurch jung, frisch, kreativ, leistungsfähig, kreativ, ausdauernd. Und, wie ich finde, genial in seiner Kreativität der Küche. Beispielsweise beim Thema Ei.

In den vergangen zwei Jahren schenkte mir kein anderes Restaurant in Berlin so viele kulinarische Glücksmomente, wie das Facil. Und gerade fällt mir auf, dass ich diese Tatsache in meinem Blog bislang völlig ungenügend gewürdigt habe. Ich mag es hier.

Ich mag den Raum. Er besitzt eine wundervolle Mischung aus Eleganz und Leichtigkeit. Helles, modernes Design im licht durchfluteten Raum, ganz ohne Barocke Schwere, die noch immer viel zu viele gehobene Lokale durchwabert. Auch in Jeans bin ich willkommen.

Ich mag den Service. Professionell und kundig, aber willens, auch einmal locker zu lachen. Niemand lauert penetrant hinter mir, um Weiterlesen

Dos Palillos: Nachtschwärmer im (Wan-Tan-Tapas) Diner

Von außen betrachtet wirkt das Restaurant „Dos Palillos“ tatsächlich ein wenig, wie das berühmte Gemälde von Edward Hopper. Aufgereiht sitzen die Gäste an einem langen Tresen, durch die Fenster blickt man auf ihre Kehrseiten.

Brett vor dem....Fenster

Brett vor dem….Fenster

Dieser erste Eindruck kommt eher kühl daher, was sich rasch verflüchtigt, wenn man den Gastraum mit den merkwürdigen goldenen Decken (also im Sinne von Stoff) betritt und sich ebenfalls an den Tresen platziert.

Köstliche asiatische Happen erwarten die Gäste, was zunächst einmal wenig offensichtlich scheint. Denn: Wir sitzen im Casa Camper, dem Hotel einer spanischen Schuhfirma. Dos Palillos bedeutet übersetzt „zwei Zahnstocher“, oder umgangssprachlich: „Ess-Stäbchen“. Das Innendesign stammt von den Pariser Designern Ronan und Erwan

Blick in die Küche

Blick in die Küche

Bouroullec, das Kulinarische Vorbild/ Stammhaus befindet sich in Barcelona, der eigentliche Createur der Speisen ebenfalls, Albert Raurich, der zuvor ca. 10 Jahre Chef de Cuisine im ElBulli von Ferran Adria war, uns aber weder mit molekularen Experimenten, noch spanischen Tapas konfrontieren möchte.

Der Zahnstocher an sich schlägt womöglich die Brücke. Schließlich stammt Weiterlesen